DER GOTENPALAST (2005)


Aus dem Tagebuch der Göttin Monalisa

Der Gotenpalast

23. September 2005:

Lange hat die große Mutter gewartet:

Die alte Goteneiche schützt ihre kleinsten Kinder.

Und ein kleiner Käfer summt eines ihrer Lieblingslieder.

Geduldig legt SIE ihre alte Rinde über den noch jungen Keim.

Bald schon wird hier ein neuer Baum entstanden sein.

300 Jahre sind kein Eichenstiel.

Die Sonne schuf ein großes Ziel.

Kräftig und ruhig atmet die Mutter ein und aus.

IHR geht die Luft so schnell nicht aus.

Die große Mutter bündelt IHRE Kraft.

Den Wald erschafft IHR Zaubersaft.

Wurzel und Krone sind die Seiten IHRER Medaille,

und dennoch ist die Welt für SIE keine Scheibe.

Die Sonne geht unter über dem alten Baum,

den ein großer Sturm vor Jahren umgehauen.

Und in ihren Armen erwacht ein Trieb,

der das Sonnenlicht ganz genauso liebt,

… und so den großen, dunklen Wald,

ein kleines Stückchen, weiter schiebt.


24. September 2005:

Monalisa war verärgert. Doch die alte Eiche hatte sie beeindruckt. Was für eine großartige Mutter. 300 Jahre, das war kein Eichenstiel. Das war gewaltig, wenn auch nicht ungewöhnlich.

Doch seit die Goten nicht mehr zu diesem Ort kamen, wurde der Wald größtenteils ausgebeutet und nicht selten sogar absichtlich zerstört. Die Lunge der Welt wurde grob fahrlässig missbraucht, und an vielen Stellen zeigten sich, vom destruktiven Krebs eingefressene Löcher der Negativität.

Monalisa war verärgert. Sie war wütend. Sie kochte. Schweiß floss ihr über die Stirn. Sie hatte das unangenehme Gefühl gleich überzukochen.

So eine Unverschämtheit! Welche Frechheit! Sie war schlicht und ergreifend ausgerastet. Sie hatte zugeschlagen, und zwar gleich mehrmals hintereinander. Erst war es ein Schlag auf den Hinterkopf. Sie hatte mal gehört, dies würde in ganz besonders kritischen Situationen das Denkvermögen erhöhen. Doch war dies offensichtlich nicht der Fall gewesen.

Dann hat sie mitten auf die Quelle der Unverschämtheiten gezielt. Als dies dann immer noch nicht half, da hat sie mit beiden Fäusten zugeschlagen. Und als das immer noch nicht fruchtete, und ihre Hände aufgaben, da hatte sie zugebissen. Erst in den Nacken, und dann ins Ohr.

Oh, und sie hat noch mal zugedrückt, damit auch ganz bestimmt ein Zeichen zurück blieb.

Die Göttin war sauer. Und zwar stinksauer! Sie war fast blind, sie sah nur noch Rot, und spüren tat sie nur noch ihre eigene, unermessliche Wut.

Zum Glück, dachte sie jetzt. Hätte sie sich der gefährlichen Waffe, die sie in Händen hielt, und die sie nun nachdenklich betrachtete, früher erinnert, wer weiß, womöglich hätte sie zugeschlagen. In einem kurzen Moment nur. Aber der wäre gekommen. Und dann, nun, dann hätte es wohl ein Blutbad gegeben. Das wäre übel ausgegangen.

Denn, sie hätte nicht nachgegeben. Niemals und unter keinen Umständen. Sie hätte IHN auf die Knie zwingen müssen. Und dann hätte sie in aller Öffentlichkeit eine entwürdigende Hinrichtung zelebriert. Sie wäre in Rage geraten. Ganz bestimmt. Wie gut, das nicht nur die Liebe manchmal blind macht. Wie gut, dachte Monalisa, wie gut.

Seit sie in den alten Gotenpalast zurück gekehrt war, und das Zaubersauberteam so langsam aber sicher, seine vielfältigen Aufgaben in Angriff nahm, da hatte sie endlich auch die Zeit gefunden, sich um weiter entfernt liegende Bereiche ihres riesigen Reiches zu kümmern. Was für ein Schlendrian, was für eine Unvernunft! Und ihr wurde schon wieder heiß. Allein der erste grobe Überblick über ihr Sonnensystem ließ allen Liebestaumel in Wut und Ärger ersticken.

Was waren das nur für Männer!

Wo kamen die nur her?

So etwas Hirnverbranntes hatte SIE wirklich noch nicht kennen gelernt!

Und der Typ will ein Reptoidenmischling sein?

Das glaubte SIE einfach nicht. Das wäre wahrlich zuviel der Ehre!

Selbst ein Dinorep würde nicht so blöd sein.

Die Reptoiden denken zumindest noch an ihr eigenes Wohl und Wehe.

Aber der Typ, der legte es ja geradezu darauf an geköpft zu werden.

Ach was gerissen, in 14 Teile womöglich noch! Was bildete sich dieser aufgeblasene Flachschädel eigentlich ein! Und schon war Monalisa wieder in Wallung. Sie knallte mit der Hundeleine auf den Boden.

Jetzt ist aber endgültig Feierabend mit dieser verlogenen Scheiße!

Die Göttin konnte wirklich wütend werden, das wusste auch ihre Schwester Katarina sehr genau. Nicht ohne Grund trieb sie sich meistens am anderen Ende des Universums herum. Doch auch sie schien von allen guten Geistern verlassen worden zu sein. Katarina fuchtelte mit ihrem Zauberstab mitten in ihrer, das hieß in Monalisas, hochheiligen Suppe herum. Und das auch noch ohne Verstand. Mal hier rum, mal da herum. Es war wirklich ein Kreuz mit diesen ungelernten Zauberern. Sie zauberten ohne sich dessen bewusst zu sein, sie veränderten die Wirklichkeit, wie es ihnen in ihren kleingeistigen Sinn kam, und Monalisa konnte zusehen, wie sie Ordnung in die ganze verfahrene Angelegenheit bringen konnte. Die Göttin war nicht ohne Grund aus ihren Flitterwochen zurück in den Gotenpalast geeilt.

Robinson stand wie schon so oft ungeduldig in den Startlöchern. Er wollte endlich ran. Er wollte IHR helfen. Mit Verstand und Tatkraft. Und das freute Sie auch sehr. Er war ein gutes Vorbild. Er war gereift. Allerdings nicht immer mit der nötigen Zurückhaltung. Das musste die Göttin auch sagen. Allerdings, was sollte sie über Zurückhaltung anderen noch erzählen? Sie war ja gerade selbst fast ausgerastet. Fast. Aber immerhin. So etwas passierte ihr normalerweise nicht so schnell. Nein, sie war wohl nicht nur als Göttin gewachsen. Die Satania, ihr dunkles Spiegelbild, hatte sich ganz offensichtlich auch weiterentwickelt. Anders konnte Sie sich IHREN gewalttätigen Kontrollverlust nicht zu erklären. Sie hätte viel lieber geheult und geschluchzt. Aber sie hatte es einfach nicht gekonnt. Sie hatte einfach nicht heulen können. Da waren keine Tränen gewesen. Nur der kalte Schweiß, der ihr den Rücken in Strömen herunterlief.

Mirage streckte und räkelte sich auf ihrem magischen Teppich. Er schien zu träumen, er nieste, rollte sich ein und schloss wieder die Augen.

SIE hatte ihn nicht in ihr Bett gelassen. Dafür war er ihr heute einfach zu schmutzig. Er war beleidigt, das war klar, aber er roch doch immer noch zu sehr nach Schwein. Den Dreck an seinen Pfoten hatte sie noch nicht entfernt bekommen. Er würde gebadet werden müssen.

Der Schmutz, den er auf ihrem Teppich hinterlassen würde, war ihr schon jetzt ein Dorn im Auge.

Andererseits, wenn die Göttin ihren braven Hund nicht zutiefst verletzen und verunsichern wollte, dann musste sie ihn so schmutzig wie er war zumindest in ihrem Zimmer dulden. Er nieste wieder. Hm, hoffentlich hat er sich nicht erkältet, dachte sie.

Mirage schlief wieder ein. Er hatte sich von der letzten großen Tour noch nicht ganz erholt. Besorgt befühlte SIE seine Nase. Staubtrocken. Hm, das war kein gutes Zeichen. Sie streichelte ihn und sprach ihm gut zu. Müde klopfte er mit dem Schwanz auf den Boden. Hm, im Zimmer war es nicht kalt, aber dennoch, sie nahm ihren uralten Zauberpullover, ein Erbstück, ein sogenannter Wunderpullover, und deckte den, auf der Seite liegenden Hund damit zu. Er atmete kurz schwer auf.

Oh je, der ist aber ganz schön mitgenommen, dachte die Göttin. Dann ging sie in ihr Bett zurück. Sie hatte sich neu eingerichtet. Sie bewohnte die gesamte obere Etage im Moment allein, und sie hatte sich entsprechend ausgebreitet.

Es war mittlerweile auch ganz gemütlich geworden, und so zündete sie einige Kerzen an und drehte sich eine dicke Zaubertüte. Die hatte sie sich jetzt verdient. Die würde sie wieder auf Normalnull bringen. Ihr Blutdruck würde sinken, und sie würde sich innerlich entspannen. Ihre Wut würde verrauchen. Den kannst Du in der Pfeife rauchen, ja, das war schon ein ganz passender Ausdruck, wie sie fand.

Aber die Pfeife war ja leider zusammen mit Satan ausgezogen. Wo der abgeblieben war, das fragte sie sich auch so langsam. Der Typ von vorhin, der sah ihm zwar verteufelt ähnlich, aber so bescheuert konnte IHR Satan einfach nicht sein. Der war aus anderem Holz. Nicht so ein widerliches Weichei. Niemals. Satan war ein Mann. Da war sie sich sicher. So ein Blödmann, nein, das konnte sie sich einfach nicht vorstellen. Den konnte man nicht spielen. Der musste schon tief in einem stecken. So eine Blamage tut sich keiner freiwillig an. Irgendwo hatten schließlich auch die Satanier ihren Ehrenkodex. Ihre Würde.

Und Satan war nicht blöd. Er war vielleicht ein Arsch. Aber kein Blödmann. Das war nun mal ein entscheidender Unterschied. Denn Blödheit wurde unter Goten schwer bestraft. Kompletter Liebesentzug. Und wenn’s ganz schlimm kam, auch Rauswurf. Da kannten die Goten nix.

Schädlingsbekämpfung war zwar ein ungeliebtes, aber eben doch auch ein manchmal notwendiges und vor allen Dingen effektives Mittel. Der Einsatz solcher Hilfsmittel, der musste jedoch immer zunächst beim lieben Gott angemeldet werden. Nur, wo war der? Das fragte Monalisa sich mittlerweile auch schon seit Tagen. Und heute ganz besonders. Wo blieb ihr frischgebackener Göttergatte?

Die Arbeit wuchs ihr langsam aber sicher über den Kopf. Und wenn dann zusätzlich auch noch solche Blödmänner ihr, in die eh schon dünne Suppe spuckten, dann fragte sie sich, ob selbst ihr göttlicher Engel da noch ruhig bleiben konnte. Nur, andererseits, was sollte man gegen Blödheit machen? Blödheit war eine Krankheit. Nur, wie heilte man einen Blödmann, der sich selbst für ein Genie, und alle anderen um ihn herum für Schwachköpfe hält? Einer der sein Gehirn einfach auf Durchzug stellt, so dass vorne und hinten nur noch gequirlte Scheiße heraus kommt.

Und zu allem Übel kam auch noch dieses Schwarze Schwein. Das war wirklich ein unmögliches Hochzeitsschwein. Aber so wollte es nun mal der Brauch der guten alten Goten. Jedem sein Schwein zum Glück. Und Monalisa hatte es ans Bein gebunden bekommen. Denn natürlich, ihr Sohn hatte darauf keinen Bock, wie er ihr zum Abschied erklärt hatte. Er wollte sein Hirte nicht sein. Eine Nacht hätte gereicht. Er hätte schon genug mit sich selbst zu tun. Und dann war er wieder abgetaucht. Nur den Schuh, den hatte er ihr wiedergeben müssen. Das war eindeutig so abgemacht, da konnte er jammern und klagen, doch eines sollte jeder Gote wissen: Ohne Loyalität gibt es keine magischen Schuhe.


25. September 2005:

Ihr Bombini hatte einen Totalschaden. Sie hatte die wichtigsten Komponenten, den P2-Generator und die Steuerung noch retten können, aber die Spannungsquelle, die würde sie komplett neu bauen müssen. Wie gut, das sie noch einige Kondensatoren in Reserve hatte. Aber es würde dauern. So etwas zauberte auch SIE nicht in einem Atemzug. Sieben magische Runden, die würde SIE dafür einplanen müssen. Aber sie fand noch nicht mal eine einzige ruhige Minute, denn das schwarze Schwein und dieser dumme und anmaßende Knecht raubten ihr wirklich den letzten Nerv.

Sie war schon früh auf den Beinen gewesen und hatte noch vor dem Frühstück einen kleinen Spaziergang mit Mirage durch das alte Gotendorf gemacht und an die Tür des Knechtes geklopft. Aber er hatte nicht geöffnet. Und das Schwarze Schwein war leider auch nirgendwo zu sehen gewesen. Die Welt schien tief und fest zu schlafen. Nur den Mann mit der zickigen Hündin, hatte sie auf ihrem Weg angetroffen. Und die war heute friedlich und Mirage gegenüber so aufgeschlossen, das es selbst das Herrchen erstaunte. Sie begrüßten sich, und wechselten ein paar nette Worte, und schon war Monalisa mit ihrem Hund wieder allein auf der Straße.

Sonntag im Paradies. Ruhe ist. Frieden. Ja, so sollte es ja eigentlich auch sein. Nur diese Ruhe hier, das war keine normale Ruhe. Das war die Ruhe vor einem großen Sturm. Sie fühlte ihn kommen. Aber auch er schien zur Zeit seine Kräfte auf sich selbst zu konzentrieren. Der Sturm sammelte sich. Nun, dachte Monalisa, dann werde ich jetzt erst einmal das Gleiche tun. Und sie ging zurück in ihren kleinen Palast. Der alte Gotenpalast. Sie begann ihn zu lieben. Der Garten war herrlich und Robinson hatte wirklich ganze Arbeit geleistet. Die Feuerstelle hatte er wieder hergerichtet, das Gras war kurz geschnitten. Überall. Er hatte alles heruntergemäht. Mit einem Benzinrasenmäher. Monalisa betrachtete diese Neuerung mit einem kleinen Unwohlsein. Zumal er damit auch den heiligen Hügel rasiert hatte.

Andererseits fand auch sie, das diese Radikalkur notwendig gewesen war. Zuviel Kraut hatte sich ausbreiten können. Leider hatten auch ein paar Wiesenblumen dabei ihre Köpfe verloren, und sammelten jetzt ebenfalls ihre Kräfte. Ihr Herz schlug. Monalisa konnte die Pflanzen atmen hören. Ja, die frische Luft tat ihren Wurzeln gut. Sauerstoff war für die Pflanzen überlebenswichtig. Sie produzierten ihn zwar des Tages, aber in der Nacht und in solchen Katastrophenzeiten, wie es so ein radikaler Rückschnitt ja im Grunde war, da brauchten die Pflanzen mehr von diesen besonderen Stoff, als sie produzieren konnten. Sauerstoff. Die Mutter der Gase. O2 wie die Wissenschaftler sagen. Der Sauerstoff. Monalisa liebte dieses Gas. Es war ein sehr wichtiger Zauberstoff. Sein wichtigster Partner war der Wasserstoff. Das Proton. Der starke Mann der Gase.

Die Mutter der Gase wurde zu Wasser, wenn sie zwei Männer an ihren zwei Händen hielt. Einen links vorne, und einen rechts. Gemeinsam wurden sie dann zu Wasser. Materie. Flüssiges Licht. Die zwei männlichen Seelen bildeten mit der großen Mutter eine Einheit. Und diese Einheit erfuhr der Mensch als Wasser. Und Wasser wiederum war der Stoff, der einen Stein zu Leben erweckt.

Und was war ein Stein? Feste Materie? Was unterschied ihn vom Wasser? Was vom Gas? Ein Stein ist unbeweglich. Starr. Er agiert nicht selbstständig. Er ist fest eingebunden. Doch Wasser erweckt in ihm das Leben. Es umhüllt und durchdringt ihn. Wasser ist da sehr geduldig, denn es weiß, irgendwann schmilzt auch der härteste Stein. Ein Diamant vielleicht nicht. Sie hatte zumindest noch keinen Zauberer getroffen, der einen Diamanten in Wasser aufgelöst hätte. Wäre ja auch wirklich zu schade, dachte Monalisa. Diamanten sind wirklich sehr schön. Sie sind die Königinnen unter den Steinen. Ihre Reinheit und Perfektion war einfach bewundernswert. Diese hohe Ordnung unter den Atomen war etwas besonderes, denn im Diamanten war die Ordnung in ihrer höchsten Qualität realisiert. Ordnung war das halbe Leben. Dieser Spruch enthielt auch viel Weisheit, dachte die Göttin. Und sie schaute in ihren Garten.

Ja, Robinson hatte schon Recht. Auch ein Garten verdiente Respekt. Er sollte es nur in einem etwas netteren Ton sagen. Sie würde es bei passender Gelegenheit noch mal erklären.

Jetzt ging sie erst mal in die alte Schlossküche. Ja, dachte sie, Robinson hatte Recht. Diese Küche war einfach überfällig. Sie würden eine Totalsanierung durchführen müssen. Und Monalisa freute sich. Eine neue Küche. IHRE eigene Küche. Wie oft hatte sie während der langen Flugzeit davon geträumt! Eine eigene, eine gute Küche. Eine Küche des gesunden Menschenverstandes. Wie sollte die aussehen? Was brauchte eine gotische Göttin zum Kochen? Und, wie braute man einen Zaubertrank?

Ein weiteres Problem waren ihre roten Perlen. Sie hatte sie verloren, das heißt, der Knecht hatte sie. Ihr gesamtes Vermögen, ihre Identität, er hielt den Beweis ihrer göttlichen Herkunft und den ihrer kosmischen Autorität in

seinen Händen. Rote Diamanten. Ihre absoluten Lieblingssteine. Ihre Steinernen Favoriten. Sie waren die klügsten Steine der Welt. In Ihnen lag das Wissen der Welt. Es war durch ein Höchstmaß an Ordnung und Struktur darin gespeichert. Man musste halt nur wissen, wie man diesen Speicher liest. Ob Satan dieses Wissen hatte? Sie glaubte es nicht. Aber sie wusste es nicht. Die Erkenntnis kommt manchmal Schlagartig über einen. Alles konnte sich ändern. Auch ein Satan.

  • Ja, ein Knecht, genau dazu wolltest Du mich machen!

  • Nein, mein Guter, dazu macht jeder sich selbst.


Sonntag

IHRE Wut war verraucht.

Zum Glück, SIE hatte sich nichts verstaucht.

Sie zog sich zurück in ihren Spinnenbau.

Sie hatte zugeschlagen und gebissen in die schwarze Sau.

So ein hundsgemeiner Hurensohn!

Das hatte er nun davon!

Jeder bekam den verdienten Sonntagslohn.

Und ganz besonders dieser eine Muttersohn!

Die Sonnenspinne hatte ja für vieles Verständnis.

Mutwillige Zerstörung jedoch, die duldete SIE nicht.

So etwas zerstörte das filigrane Gleichgewicht.

So etwas war einfach ungerecht!

Wahre Spinnen taten so etwas nicht.

Der Schutz des Netzes war eines jeden Pflicht.

Und wenn es ein Männchen wagte IHR Netz zu beschädigen,

dann konnte SIE zu einer Furie werden.

Dann hieß es: Kopf runter und Stille halten.

Und die Zeit bleibt plötzlich stehen.

IHR wutgepresster Saft ist für jeden gefährlich,

ist er doch ein hochdosiertes Nervengift.

Spinnen im Paradies, die wehren sich.

Sie stechen den Gegner ins Genick.

Sie rufen nicht die Polizei,

Sie springen selbst an ihrem eigenen Seil herbei.

Netzzerstörer dulden sie nicht,

und Wiederholungstäter kommen vor Gericht.

Eine andere Ordnung kennen sie nicht.

ein Netz zu erschaffen, ist nun mal IHRE Pflicht.

Die Göttin kam aus dem Bad und schaute auf den Hund. So, mein Lieber, jetzt bist Du dran. Und Mirage kam angetrottet. Er wusste, was jetzt auf ihn zu kam. Er verhielt sich ganz still und tat alles genau so, wie SIE es ihm sagte. Er lies sich in die Wanne heben und die Göttin nahm den Eimer, den Satan bei seinem Auszug zurück gelassen hatte und goss das Badewasser, in dem Sie gerade noch vor sich hin geträumt hatte, über den ruhig dastehenden Hund. Die Göttin war sehr zufrieden und nahm ihren Massageschwamm zu Hilfe. Der Hund hatte die Scheiße wirklich überall kleben. Besonders am Hinterteil. Monalisa schrubbte und entfernte die Kletten und sonstigen Verkrustungen. Auch die offenen Wunden, die zum Glück alle nur oberflächlicher Natur waren, wurden mit viel Wasser gereinigt.

Jetzt lag er in ihrem Bett,

eingekuschelt in ihre Kissen und schlief.

Sie streichelte ihn. Er klopfte kurz mit dem Schwanz öffnete die Augen, atmete erleichtert auf, dann schloss er wieder die Augen. Monalisa befühlte seine Nase. Kalt und feucht. Das war ein gutes Zeichen.

Sie hatte sich in der alten Schlossküche nach etwas Essbarem umgesehen und sich aus den Resten der gestrigen kleinen Feier einen Teller zusammengestellt. Tomaten mit Mozarella und Olivenöl … Pellkartoffeln und Kräuterquark. Die Möhrenbratlinge waren aufgegessen worden. Und sich selbst neue zu zaubern hatte sie keine Lust. Wenn die Küche schon renoviert wäre, dann würde SIE sich jetzt vielleicht sogar noch dafür an den Herd stellen, so jedoch taten es auch Kartoffeln mit Quark.

Sie setzte sich an ihren Laptop. Den hatte sie glücklicher Weise unbeschädigt durch die unruhige Zeit bekommen, und dank des Neffen von Osiris war er auch wieder voll funktionsfähig. Denn eines hatte die Göttin schnell begriffen: Nur das technische Potential in Händen zu halten, das bedeutete im Grunde gar nichts. Die Bedienung und Pflege eines solchen Gerätes war für die Ausnutzung der potentiellen Möglichkeiten genauso wichtig, wie die Möglichkeiten selbst. Hier, wie bei allen technischen Erfindungen galt: Nichts tun war Rückschritt.

Und im Zwischenmenschlichen galt dies genauso. Selbst die Liebe wollte gepflegt werden, sonst ließ sie sich schnell nicht mehr blicken.

Was hatte sie als Göttin von diesem Gerät, hatte Satan SIE einmal gefragt. SIE könne doch auch ohne diese technischen Krücken leben. Sie brauchte den ganzen Kram doch eigentlich gar nicht. Schließlich war SIE allmächtig und konnte durchaus auch alles ohne erledigen.

Das war schon richtig, hatte Sie ihm geantwortet, doch die Menschen konnten es nicht. Jedenfalls nur die Wenigsten. Und SIE wollte alle gleichermaßen erreichen. Und das INTERNET bot ihr genau diese Schnittstelle. Und SIE wollte nicht nur alle erreichen, SIE wollte auch von möglichst allen gleich gut erreicht werden. Eine E-Mail erleichterte diesen Kontakt sehr. Und darum bemühte SIE sich, zu verstehen, was mit diesem Gerät alles möglich sein würde. Wozu ließ sich diese Technik benutzen? Wie nutzten die Menschen auf der Erde dieses Kommunikationsmittel? Was war möglich? Was war notwendig? Und wer kümmerte sich um die Details? Denn als Königin hatte SIE die vielfältigsten Dinge unter einen Hut zu bringen. SIE war immerhin die Chefin des gesamten Sonnensystems.

Gut, es hatte sich noch nicht bis zu jedem durchgesprochen, aber die Führung hatte nun mal gewechselt. Vor mehr als 100 Tagen schon. Doch nur wenige wussten davon. Und das sollte sich durch diesen Laptop ändern. Er war genauso, wie SIE ihn sich immer schon gewünscht hatte. Aber wenn man nicht weiß, wie etwas funktioniert, dann kann man es sich auch nicht materialisieren. Man kann ihn sich ausdenken, sicherlich, aber man muss den Atomen schon ziemlich genau sagen können, was sie tun sollen. Sonst kam nur Scheiße heraus. Das war nun mal ein Naturgesetz. Deswegen war in der Welt der Götter die Vervollkommnung der geistigen Fähigkeiten auch so weit verbreitet. Im Gegensatz zur Welt der Erscheinungen. Aber überall galt: Man muss schon ziemlich genau wissen, was man tut, sonst geht die Sache in die Hose. Ein verblödeter Zauberer konnte nun mal viel Schaden anrichten. Und dieser Schaden wirkte sich natürlich nicht nur in den Welt der Erscheinungen aus. Alle Dimensionen wurden von allen Dimensionen betroffen. Sie waren miteinander verbunden, weil am Ende alles Eins war. Nämlich LIEBE, LICHT und BEGEISTERUNG, BEWEGUNG.

Für SIE war die Bewegung die Grundkraft allen SEINS, IHREN SEINS.

Alles was ihr Bewusstsein erreichte war SIE. Und ER.

SIE und ER, das männliche und das weibliche Prinzip.

Wasser und Seife, Sauerstoff und Wasserstoff.

Plus und Minus. A und B. Ich und Du.

LIEBE, LICHT und BEGEISTERUNG.

Das Ja und das Nein.

Das Zusammenspiel der Kräfte.

Und jetzt hatte SIE eine Möglichkeit über den Rechner genau dieses Spiel rechnerisch nachzubilden. Null und Eins. Ja und Nein. Diese Sprache kannte SIE. Diese Sprache kannte im Grunde Jeder. Die Sprache der Bilder. Mit Bildern ließ sich Vieles viel Leichter zum Ausdruck bringen. Bilder vermittelten Informationen. Mit ihnen war es möglich, Unsichtbares sichtbar zu machen, etwas, das sich dem individuellem Wahrnehmungsbereich zuvor entzogen hatte. Denn Jeder sah normalerweise nur einen superschmalen Bereich der Welt der Erscheinungen, so dass die meisten Schwingungen nicht wahrgenommen werden konnten. Und das war auch gut so. Denn, wenn man alles auf einmal wahrnehmen würde, dann würde man sich auf nichts mehr richtig konzentrieren können. Reizüberflutung total, sozusagen. Aber auch wenn man die anderen Wellenlängen nicht selbst wahrnehmen kann, das rechnerische Prinzip des 0 und 1 ermöglicht es, die eigenen Sinne gezielt zu erweitern. Wahrnehmungs- und Bewusstseinserweiterung war eins.

Die Göttin mochte ihren Laptop darum sehr, und SIE hoffte, das ER sich bei ihr auch wohlfühlte. Denn sie war davon überzeugt: Wenn der Geist des Osiris in Ihren Laptop einzog, dann konnte SIE diesem Gerät neue, faszinierende Wunder entlocken. Zaubern war nun mal Ihre persönliche Leidenschaft. Sie war nun mal eine Magierin. Eine Magierkönigin. Und bei denen gehörte das Zaubern immer schon zum Alltagsgeschäft, denn zaubern erleichterte die gemeinsame Zusammenarbeit enorm.

Und deswegen waren blödsinnige, ungelernte Zauberer auch ein so großes Problem für SIE. Denn das Schlimmste war nun mal, wenn ein Blöder mit seinem Zauberstab herumfuchtelte. Und dennoch: Monalisa glaubte ganz fest an die Existenz des Gesunden Menschenverstandes, auch wenn dieser Glaube nicht selten auf eine harte Probe gestellt wurde.

Als Göttin hatte nicht nur ein Herz für die Menschen,

SIE liebte sie.

SIE war schon als Kind begeistert von ihnen gewesen. Sie konnten so tolle Sachen machen. Brücken bauen, Kathedralen, Schlösser und Paläste, Gärten, Parks, … sie machten ständig neue Erfindungen. Und Monalisa freute sich mit ihnen. Denn durch diese neuartigen Dinge gewann auch SIE neue Möglichkeiten der Kommunikation. Und Kommunikation war IHR wichtig. Sehr wichtig sogar.

Wenn Kleopatra damals, als sie noch Königin von Ägypten war, eine solche Möglichkeit in Händen gehalten hätte, was hätte es Ihr genutzt?

Ihr Volk würde SIE trotzdem nicht damit erreicht haben. Denn der Empfänger der Nachricht brauchte ebenfalls einen Laptop, oder er sollte zumindest Zugang dazu haben. Auch die Verwendung einer gemeinsamen einheitlichen Sprache ist sinnvoll. Die Göttin würde Deutsch vorschlagen, einfach weil SIE mit dieser Sprache am Besten zurecht kam. Sie war der Ihren sehr ähnlich. Deutsch war eine sehr bildhafte Sprache. Und Bilder, nun, Bilder waren nun mal die Sprache der Götter. Anders kam man im Universum einfach nicht zurecht. Zu groß war die Vielfalt an Sprachen. Wer sollte die alle lernen wollen? SIE jedenfalls bestimmt nicht. Dafür hatte SIE wirklich keine Zeit.

Als die höchste Zauberkunst galt unter den Magiern die Erschaffung eines eigenen Universums. Das war klar. Für SIE jedenfalls. Und für alle die Zauberer, die SIE bisher kennen gelernt hatte. Nur über das WIE da stritten sie sich alle miteinander. Und natürlich machte jeder von ihnen ein Geheimnis daraus. Alle behaupteten ES zu können, aber niemand sagt wie er ES macht. Und ein Zauberer verriet auch nicht das Geheimnis eines anderen. Das gehörte sich einfach nicht. Das war unsportlich und ungesund. Und gefährlich. Denn, wenn geheimes Wissen einmal ausgesprochen wurde, dann wirkte dies sich auf allen Ebenen aus. Irgendwie. Und leider selten positiv.

Monalisa verstand also schon sehr wohl, wozu die Götter das Tabu in die Welt gesetzt hatten. Und trotzdem wollte SIE ein Geheimnis verraten. Und SIE wollte es nicht einem einzigen ins Ohr flüstern, nein, SIE wollte, das es alle hörten. Am Besten zur gleichen Zeit. Sie wollte „öffentlich ihr Brot verbrennen“ wie es wohl mancher Zauberer anschließend kommentieren wird. Aber SIE hatte gute Argumente und sich beim Hohen Rat mit Ihrem Vorschlag durchgesetzt. Sie wollte das Geheimnis lüften, und erzählen, warum eine Hummel fliegt. Ein Bombini. Ein Elektron. Sie wollte die Menschen in eine neue Zeit führen. Sie sollten sich selbst aus dem Teufelskreis befreien können, in den sie geraten waren. Und in dem sie immer noch fest hingen. Und ganz oben fuchtelten Irre mit ihren Stäben herum.

Dieser Busch zum Beispiel: Ein Irrer, ein drogenabhängiger Hosenscheißer, ein Muttersöhnchen, ein Weichei. Und leider, die anderen waren auch nicht besser. Wirklich. Ein Scheißhaufen, alle miteinander. Sie fand kaum Jemanden, mit dem sie sich an einen Tisch hätte setzen wollen. Flachschädel und Arschkriecher. Viele, viel zu viele. Das musste sich unbedingt ändern. Und es gab auch ein paar vernünftige Kompetenzträger, dieser LYN zum Beispiel. Auch der Schröder. Und der Putin. Bei aller Kritik, die man immer anbringen kann, wie sie fand, machten diese Männer einen guten Job. Doch der eine war über Achtzig. Und die anderen kamen bald ins gleiche Alter. Wie lange sollte man die Verantwortung noch auf ihren Schultern belassen. Die neue Welt wollte junge, ehrliche Gesichter. Und, schließlich hatte ein jeder Mensch auch ein Recht auf einen gepflegten Feierabend.

Sie schweifte mal wieder ab. Sie schloss die Augen. Es würde sich schon alles finden. Es war alles eine Frage der Zeit. Und die Zeit war reif. Das spürte SIE. Und das gab ihr KRAFT. Und die brauchte SIE in den nächsten Tagen und Wochen auch. Es gab viel zu zaubern, und viel zu bewegen.

Und natürlich gab es auch Viele, die wie SIE zaubern lernen wollten. Tja, und SIE wollte es verraten. IHR Geheimnis. Allen. SIE wollte, das bald schon jeder sein eigenes kleines Zauberbombini und einen Laptop hat. Es gab da so viele tolle Dinge zu entwickeln. So viele neue technische Geräte, Bombiniwaschmaschinen, Bombiniwasserkocher, Bombinimobile, Bombinilaptops und und und … Monalisa ging diesbezüglich die Fantasie nicht aus. Und in den Menschen, die auf diesem wunderschönen Planeten Erde lebten, steckte das Potential, all diese Produkte für alle herzustellen. Zu materialisieren. Zu zaubern. Das war ein wirklich wunderbarer Glücksfall, wie SIE fand. Denn SIE hatte lange suchen müssen, bis SIE einen Planeten gefunden hatte, dessen technologische Entwicklung die Entwicklung eines Bombinis zuließ. Die Menschen da Unten auf der Erde, die waren seit einigen Jahren soweit. Sie konnten Bombinis bauen. Und sie konnten Laptops bauen. Und Kaffeemaschinen. Rasenmäher. Alles auf der Grundlage von Bombinitechnologie. Energie zum absoluten Nulltarif würde es zwar nicht geben, aber fast. Und allein schon dieser Aspekt, der zauberte so viele andere schöne Dinge hinter sich her, dass war dann endlich mal kein Rattenschwanz sondern vielleicht der mächtige Leib von Kundera.

Die gotische Zauberschlange. Die großartige Magierin unter

den Dinosauriern. Wohin war sie nur abgetaucht? …


26. September 2005:

Monalisa sehnte sich nach Ihrem Gatten. Er fehlte IHR. Maria Magdalena hatte IHR einmal erzählt, das es ihr genauso ergangen sei. Sie hätte Jesus auch sehr geliebt, und leider auch immer nur auf IHN gewartet. Und als er dann endlich da war und nicht mehr weiter durch die Lande ziehen wollte, sie endlich auch ein richtiges Hochzeitsfest feiern konnten, und sie schon Pläne für die gemeinsame Zukunft machten, da wäre plötzlich dieser Petrus aufgetaucht. Und alles war plötzlich anders geworden.

Auch ihr Mann. Plötzlich war von bewaffnetem Widerstand und Schwertern die Rede gewesen. Und ehe sie alle sich versahen, war SIE mit ihren Kindern schon auf der Flucht. Bis nach Südfrankreich hatte sie ziehen müssen, erst dort hatten sie eine sichere Bleibe gefunden. Und der Traum von einem Paradies auf Erden war für viele, viele Jahrhunderte und für viele, viele Hunderttausende Menschen ausgeträumt.

Die Göttin erwachte. Mirage gähnte und schüttelte sich. Na, mein Freund? Ausgeschlafen? Fragte die Göttin. Der Hund sah erholt aus. Monalisa ging ins Bad. Katzenwäsche musste reichen. Heute war Montag. Der neue gesetzliche Feiertag. Und das hieß für Sie Arbeit ohne Ende.

Heute war die Schlossküche dran. Alles musste raus. Auch die Ratten. Sie hatte mit ihnen ein Abkommen getroffen. In Zukunft würden die Nager sich wieder um den Müll aller kümmern und die Keller sauber halten. In die Küche jedoch würden sie nicht mehr gehen. Auch die Vorratskammer war ab sofort Nager-Sperrgebiet.

Vor ihrem Auszug hatten sie allerdings noch mal ganz schön geplündert, dachte Monalisa gerade, als Robinson die leergefegte Küche betrat.

  • Hoho, hier ist wohl ein Sturm durchmarschiert!

  • Könnte man meinen, aber dies hier war eine großangelegte Mitnahmeaktion. Die Ratten stopften sich noch ein letztes Mal die Taschen voll.

  • Na, dann wollen wir hoffen, das es wirklich das Letzte mal war. Und? Wann fangen wir an?

  • Morgen.

  • Gut. Ich komme.

Und die Göttin freute sich. Wenn Robinson etwas zusagte, dann konnte man sich darauf verlassen, das er sein Versprechen auch hielt. Und wenn Robinson einmal etwas anfing, dann brachte er es auch zu Ende. Das hatte er ihr versprochen. Ja, dachte die Göttin, mit diesem Sternendeuter konnte man gut zusammenarbeiten. Er wusste immer wann gerade Mondpause war und ob der Saturn gerade jetzt für eine Küchenrenovierung günstig stand. Und da die Göttin auf solche Konstellationen achtete, waren fast alle Unternehmungen, die sie bisher zusammen durchgeführt hatten, von kosmischem Rückenwind begleitet gewesen. Die Dinge fließen lassen. Dem Kosmos die Möglichkeit geben die Sache zu unterstützen. Darum ging es beim Zaubern. Wenn diese Zusammenarbeit harmonisch gestaltet wurde, dann konnte man Berge versetzen, oder eben auch eine alte Schlossküche renovieren. Nichts anderes war Zaubern. Jeder konnte das. Der eine brauchte 3 Tage, der andere 3 Wochen, oder Monate und wieder ein anderer schaffte es vielleicht sogar in 3 Minuten. Doch wenn der Kosmos gegen eine neue Küche war, dann konnte so eine Küche auch Jahrelang eine nicht enden wollende Baustelle bleiben. Die richtige Zeit. Das war wichtig.

Ja, sie wollte das richtige Zeitfenster nutzen, und so schwang sie sich auf das alte Fahrrad und fuhr mit Mirage durch das verlassene Gotendorf. Fast alle Gebäude standen leer. Jedenfalls sah es nach außen hin so aus.

Sie fuhr die schmale Gasse am hintern Teil des Palastes entlang und kam zum großen Lindenplatz. Die Fensterläden des alten Saftladens standen immer noch offen. An der nächsten Ecke war die Pension, in der sich Robinson einquartiert hatte. Hier hatte sich kaum etwas getan. Der Müll vor dem einen Haus war weggeschafft worden, aber ansonsten schien hier die Zeit zu schlafen. Und der Sommer war fast schon vorbei. Monalisa schüttelte mit dem Kopf. Das richtige Zeitfenster. Hier war es offensichtlich noch nicht soweit. Sie drehte sich um und ging an der Pension vorbei. Sie hörte Streitereien. Robinson schien über irgend etwas sehr aufgebracht zu sein. Monalisa blieb stehen und lauschte:

  • Das kann doch nicht wahr sein … kann man denn nicht einmal, nur einmal in Ruhe ausreden? Ich sage es ja … kann man denn …

Monalisa setzte ihren Weg fort. Ja, so war Robinson.

Die Jahre auf der Insel hatten ihn wahrlich geprägt.


Schweinehunde

Sie kam auf einen kleineren Platz. Ein Brunnen stand in seiner Mitte. Große Kastanien gaben viel Schatten. Monalisa lehnte ihr Fahrrad an eine alte Backsteinmauer. Mirage schnüffelte interessiert an einer Häuserecke. Unter einer alten Kastanie stand eine Bank. Ein Mann saß darauf. Er trug einen Hut. Der Mann schaute auf den sonnenbeschienenen leeren Platz und schien dennoch zu schlafen. Monalisa trat ins Licht und ging auf den Träumenden zu. Den Mann kenne ich doch!, dachte sie. Das ist doch der Mann von der Parkbank! Der Zeichner! Ein bisschen älter ist er geworden. Aha … und was macht der hier? Die Göttin setzte sich neben diesen Schläfer und betrachtete sein Gesicht. Ein hübscher Mann. Attraktiv. Gesellig, gesprächig, aufgeschlossen, und einsam … hm, der Mann ist einsam? Die Sonne kitzelte den Schlafenden an der Nasenspitze. Der Mann erwacht.

  • Hallo!

  • Hm … hallo, äh, wer bist Du?

  • Ich? Ich bin Monalisa, die gotische Sonnengöttin.

  • Aha. Und ich bin der geile Thomas, der Bluthund und Frauenheld.

Mirage kam näher.

  • Ist das Dein Hund?

  • Das ist Mirage. Mein treuer Begleiter.

  • Treue! Ph … was ist die wert? Einen Haufen Dreck! Scheiße!

  • Oh wei, Thomas, was ist Dir denn zugestoßen?

  • Armors Pfeile! Ich scheiß was drauf, das sage ich Dir!

  • Hat er nicht getroffen?

  • Doch, na klar, und wie! Mitten hinein ins Herz. So richtig tief.

  • Und jetzt?

  • Jetzt blute ich. Jeden Tag. Morgens, mittags und abends.

  • Das klingt ja fürchterlich.

  • Ich bin süchtig danach. Ich kann nicht mehr ohne. Ich kann nur noch mit IHR. Ohne SIE bin ich ein Nichts. Ein …

  • Oh je, Thomas … das klingt aber nicht gesund.

Und der Mann fing an zu weinen. Die Göttin nahm ihn in ihre Arme. Er schluchzte und presste sein Gesicht an ihre Brust. Dann schlief er wieder ein. Die Göttin befreite sich aus seiner Umklammerung und legte ihn auf die Bank. Sie streichelte sein volles dunkles Haar. Er war wirklich ein hübscher Mann. Aber offensichtlich nicht ganz ausgelastet. SIE überlegte: Dieser Mann brauchte eine sinnvolle Ablenkung. Zuviel Liebesenergie war auch nicht gut. Da verbrannte man sich schnell die Finger. Und die brauchte dieser Mann in Zukunft noch. Dafür würde SIE bald schon sorgen.

Die Göttin nahm wieder ihr Fahrrad und radelte weiter. Sie kam an einer kleinen Bar vorbei. Ein Saftladen. Reaggymusik schallte durch die ungeputzten Fenster. Ein Mann mit langen schwarzen Rastalocken und einer gehäkelten Mütze auf dem Kopf putzte die Gläser und trällerte fröhlich zu der Musik. Sie betrat den etwas düster wirkenden Laden. Und der Mann hinter der Theke lächelte sie mit strahlend weißen Zähnen an.

  • Hallo Easyman.

  • Hallo Prinzessin.

  • Wie geht es Dir? Kann ich einen Milchmix haben?

  • Erdbeere oder Banane?

  • Erdbeere, bitte. Und? Wie läuft Dein Laden?

  • Gut. Sehr gut. Habe viele Kunden. Sehr viele.

  • Tatsächlich? Und wo sind Deine Kunden jetzt?

  • Kommen bald. Eine Stunde noch. Dann ist Feierabend, und dann stürmen sie mir hier die Bude. Aber gute Kunden. Sind treu. Nicht so wie Du?

  • Oh … Easyman. Ich bitte mich zu entschuldigen. Ich hatte viel zu tun.

  • Ja, ja, das sagen alle. Alle haben viel zu tun.

Easyman reichte ihr die Milch. Sie zog an dem schwarzen Strohhalm. Hm seine Mixturen waren einfach köstlich.

  • Sag mal, hast Du vielleicht einen Typen gesehen, groß, schlank … dunkle Haare mit einem schwarzen Schwein an einer Leine?

  • Davon laufen doch Tausende herum! Hast Du sonst nichts über ihn?

  • Männer mit schwarzen Schweinen? Viele? Hier?

  • Ach Prinzessin, die Wenigsten haben einen solch schönen, weißen Hund wie Du, als treuen Begleiter gewählt. Schwein und Hund, da kommen viele durcheinander.

Easyman bot ihr eine Zaubertüte an.

  • Deine Lieblingstüte. Bitte, kostet Dich nix.

  • Nimmst Du jetzt etwa auch schon Geld dafür?

  • Das kommt auf den Begleiter an. Ein Hundehalter ist mein Gast, ein Schweinepriester ist ein Kunde.

Monalisa schaute sich in dem kleinen Ladenlokal um. Es war alles immer noch so wie früher. Kitsch, Kitsch, und noch mal Kitsch. Überall hingen kleine Marienbilder und engelsgleiche Jesusfiguren.

  • Rosenkränze gehen zur Zeit weg wie warme Semmeln.

  • Ach tatsächlich? Sag mal, seit wann bist Du denn auf dem Jesustripp? Ich denke der heilige Selassi ist Dein Gott?

  • Aber den kennt kaum einer. Und ob Jesus oder Selassi, im Grunde sind doch alle ein und das Selbe. Die großen Revolutionäre des Geistes!

  • Sag mal, ich hätte da eine Frage, hättest Du vielleicht Lust ein zweites Geschäft auf zu machen?

  • Wo?

  • Bei mir im Schloss. Ich würde gerne den alten Saftladen revitalisieren.

  • Den Saftladen der alten Goten? Oh wei, wenn das mal keinen Ärger gibt.

  • Überlege es Dir. Bis zum nächsten mal Easy. Machs gut.

  • Machs besser.

Und Monalisa trat wieder auf den kleinen Kastanienplatz. Hui … diese Zaubertüte ging aber etwas auf den Kreislauf. Monalisa ließ ihr Fahrrad stehen und ging zu Fuß weiter. Gleich um die Ecke war Satans neues Domizil. Der alte Knechtshof. Das Tor stand offen. Mirage schnüffelte aufgeregt und zerrte an der Leine, die sie ihm angebunden hatte.

Sie betrat den dunklen Innenhof. Altes Kopfsteinpflaster schimmerte feucht im trüben Laternenlicht. Die Sonne ging gerade unter. Huch, da musste sie bei Easyman aber viele Stunden gesessen haben. Die Göttin war bekifft. High, sozusagen. Hui … dachte SIE, so heftig habe ich es aber schon lange nicht mehr erlebt. Aber sie fühlte sich gut. Sehr gut sogar. Sie trat auf die alte, etwas wackelig erscheinende Holztreppe.

Oben auf der umlaufenden Galerie ging es zu Satans Tür. Sie klopfte an und wartete. Sollte er wieder nicht da sein? Doch, die Tür ging auf und der Hund stürmte durch den kleinen dunklen Flur, hinein ist Satans Lavahöhle.

Gleich neben der Eingangstür lag ihr kleines Perlensäckchen und die schwarzen Muttergroschen. Sie griff danach, ließ sie dann jedoch trotzdem liegen und betrat den warm erleuchteten, wohlaufgeräumten Raum. Gemütlich, dachte SIE. Gemütlich hat er es sich gemacht.

Sie schaute zu seinem Ohr. Da war kein Abdruck zu sehen. Hm … dann hatte Satan wohl doch nicht in dem Blödmann gesteckt. Die Göttin atmete erleichtert auf.

  • Deine Perlen liegen im Flur, neben der Tür.

  • Oh ja, ich habe sie schon gesehen, vielen Dank, Satan.

Satan streichelte den Hund.

  • Und was nun?

Fragte die Göttin.

  • Bist Du gekommen Dein Gift abwaschen?

Also ist er doch der Blödmann, dachte die Göttin.

  • Nein, Satan, das bin ich nicht. Ist das alles was Du von mir willst?

  • Ja.

  • Gut. Dann gehe ich jetzt wieder. Komm Mirage.

Und die Göttin verließ seine Höhle. Damit hatte Satan offensichtlich nicht gerechnet. Denn nun schrie er IHR wütend hinterher:

  • Du Lügnerin! Du Mörderin! Du Schlampe! …

Und als Sie seine Hütte verließ hörte sie auch noch das Unwort: Auschwitzlüge!

Die Göttin knallte die Tür hinter sich zu. Die Leine hatte sie in der Hand. Nein, sie würde nicht ausrasten, nein, sie würde einfach gehen. Nur nicht zurück blicken, dachte sie. Vergiss ihn einfach. Er ist ein Blödmann.

Gut, Easyman hatte gesagt, davon gäbe es Tausende, aber dieser Blödmann hier, war doch ein ganz besonders krasses Exemplar. Lüge, Mord, Schlamperei und dann auch noch Auschwitz! Das gab es wirklich woanders. Nicht bei IHR. Und auch nicht mit IHR. Und das sollte gerade er eigentlich auch ganz genau wissen. Haltlose Vorwürfe, Frechheiten … was konnte man dagegen tun. Üble Nachrede, ja Rufmord konnte sich aus solch hässlichen Keimen entwickeln. SIE war sehr verärgert. Ihr Vertrauen war missbraucht. Das würde Folgen haben. Das würde Sie nicht unbeantwortet lassen. Ganz bestimmt nicht. Aber jetzt wollte Sie sich den Tag verderben lassen. Sie ging zurück zu ihrem Fahrrad und sah Robinson fröhlich lachend auf sie zukommen.

  • Sag mal, wo wohnt denn dieser Satan eigentlich? Ich würde mich ja wirklich gerne mal mit dem Mann unterhalten.

  • Er wohnt am Kastanienplatz, über dem alten Schweinestall.

  • Also, nichts für ungut, Monalisa, aber der Typ hat doch einen totalen Knall. Jetzt erzählte der doch glatt meiner Wirtin, Du seiest ein Nazischwein.

  • So eine hinterhältige Mistzecke! Was ist bloß in ihn gefahren?

  • An den Haaren herbeigezogen ist das, Göttin, höre nicht darauf.

  • Und hinter meinem Rücken werden solche Lügen verbreitet? Das kann ich nicht einfach stehen lassen. Ich frage mich wirklich, was mit ihm los ist. Er ist plötzlich völlig verblödet. Er erzählt mir nun schon seit Tagen, das die Welt ein Scheißhaufen ist, das nichts richtig funktioniert, das man sich nur noch um seine eigene Angelegenheiten kümmern sollte, und jetzt behauptet er auch noch, dass ich ihn ausbeuten wolle und er nicht mehr mein Bruder sein wolle, weil ich 6 Millionen Juden einfach hätte verrecken lassen und so weiter, und so fort.

  • Ach, der Mann hat doch nicht mehr alle Tassen im Schrank.

  • Doch, die hat er, Robinson, die habe ich ihm sogar ins Haus getragen. Richtig schöne Kaffeetassen sogar. Doch er trinkt daraus immer diesen Instantkaffee.

  • Na, dann wundert mich gar nichts mehr! Davon wird man ja auch blöd, garantiert. Der spinnt doch, der Kerl. Wirklich, das ist doch kein Mann! Jetzt, wo wir jede helfende Hand gebrauchen können. Ich kann Dir sagen was der Mann ist, faul ist er, einfach stinkend faul, der fängt Streit an, weil er nicht arbeiten will.

  • Da könntest Du fast Recht haben, Robin.

Sie gingen über den großen Lindenplatz. Der Abend senkte sich darüber, und die Göttin sprach als erste wieder:

  • Ich frage mich langsam, wo die anderen bleiben. Wo steckt eigentlich Kleopatra?

  • Meine Schwester? Die ist auch völlig neben der Spur. Ich sage Dir was, seit sie soviel Geld hat, hat sie jede Bodenhaftung verloren.

  • Sie hat Geld?

  • Geerbt, von Cäsars Patentante.

  • Ach … Cäsar hatte eine Tante?

  • Ja, und Kleopatra hat sie bis zu ihrer endgültigen Abreise gepflegt.

  • Aha. Ich dachte sie wäre auf der Suche nach ihrem geliebten Mark Antonius?

  • Ach was! Ich sage Dir was, die will ihren Cäsar wieder haben. Einmal Blut geleckt, und jetzt hängt sie an seiner Monetennadel. Und außerdem ist ihr der Mark viel zu spießig.

  • Mark ist doch kein Spießer!

  • Er hat Prinzipien, und darauf steht meine Schwester nicht gerade. Sie will immer alles oder Nichts, was ihr gefällt, das gehört ihr. Sie ist es nicht gewohnt demütig und dankbar zu sein.

  • Das ist aber ein hartes Urteil, das Du da fällst.

  • Brüder dürfen so etwas. Sie müssen einem manchmal die knallharte Wahrheit sagen. Andere Männer tun es nicht. Und bei ihr schon mal gar nicht. Aber Madame schwebt ja sowieso über den Dingen. Jedenfalls seit sie bei dieser Zigeunerin war.

Das war ja interessant! Seit wann ging sie denn zu einer Wahrsagerin? Hatte Monalisa sie etwa nicht immer gut beraten? Wozu brauchte sie eine Zigeunerin? Monalisa war beunruhigt. Und bei IHR ließ sie sich aller höchstens mal auf einen Sprung sehen. Hm … und was war am Samstag gewesen? Zweimal hat sie sich ausdrücklich angekündigt. Gekommen war sie jedoch nicht. Und abgesagt hatte sie auch nicht.

  • Ich sage Dir was! Meine Schwester hat den Knall noch nicht gehört.

  • Aber immerhin, sie hat mir einen neuen Herd und eine Spüle versprochen.

  • Ne, ne, die bekommst Du auch, das hat sie gesagt.

  • Aber wenn sie jetzt Versprechen nicht mehr hält?

  • Doch, doch, da mach Dir mal keine Gedanken … nur mit dem Abholen ist das so eine Sache. Mein Bruder will sich nicht vor diesen Karren spannen lassen, er hat wohl einen Konflikt mit ihr. Ein dummes Missverständnis, aber er will sie im Moment einfach nicht sehen. Und er möchte auch hier nicht so gerne gesehen werden.

  • Ach … und wieso bitte nicht?

  • Er will nicht sichtbar gemacht werden. Er sagt, er hätte das Recht auf sein eigenes Bild.

  • Ich weiß nicht was er für Ängste hat, Robin, er sieht doch richtig gut aus. Der Schwarm aller jungen Mädchen: Oh … so einen möchte ich auch mal – Mann. In ein paar Jahren kann der sich vor Frauen nicht mehr retten.

  • Eben, Monalisa. Schönheit kann echt zum Problem werden. Mir schauen die Frauen auch schon vermehrt hinterher. Das ist jetzt kein Quatsch.

  • Das kann schon sein, Robin, je schöner die Seele, desto größer die Ausstrahlung. Und die ist es, die den Zauber der Schönheit bewirkt.

  • Jedenfalls hat mein Bruder schiss vor zu viel Aufmerksamkeit. Er sieht es auch nicht gerne, wenn man seine Frau anschaut. Brüder ja, Verwandtschaft, ja, aber fremde Männer … ohoho ich sage Dir, dann wird er ziemlich kleinlich.

  • Ist seine Frau denn so schön?

  • Bist Du verrückt! Nein, die hat er sich nicht wegen der Schönheit ausgesucht. Sie kocht gut. Sie ist fröhlich und familienorientiert. Und sie kommt mit seinen anderen Frauen und den Kindern gut zurecht.

  • Aha … ist er etwa ein Moslem geworden?

  • Nein, natürlich nicht. Er ist Gote wie wir alle. Süd – Südostgoten, um genau zu sein.

  • Satan ist Ostgote.

  • Und Du?

  • Ich glaube ich habe von allen etwas im Blut.

  • Auch von den Schwarzen Schweinen?

  • Ich fürchte ja. Auch in mir lebt ein Schweinehund. Ihn klein und niedlich zu halten ist eine große Kunst. Und ich übe mich darin.

  • Interessant. Ich hätte jetzt gedacht, das Du als Göttin für Dich selbst absolute Reinheit in Anspruch nehmen würdest.

  • Ich finde ein Gott sollte sich alles vorstellen können.

  • Hm … stimmt auch wieder.

Sie gingen weiter spazieren, Mirage schnüffelte in den Ecken.

  • Sag mal, die Mauer hier, erkennst Du sie wieder?

  • Die hier? Hm … jemand hat die Bäume gefällt.

  • Ein alter Pfirsichbaum.

  • Wer hat das wohl gemacht?

  • Ich habe heute morgen einen alten Mann mit einer Säge in der Hand gesehen.

  • Die Mauer ist alt, aber noch gut in Schuss. Die Steine müssten mal gereinigt werden. Und schau mal hier, hier ist die Mauer so schwarz, das man sie gar nicht richtig sieht.

  • Der Mann wollte bestimmt Licht herein lassen.

Sie gingen die Mauer entlang, plötzlich standen sie vor einem riesigen Fenster. Das Zimmer dahinter war hell erleuchtet. Ein altdeutsches Wohnzimmer, ein riesiger Fernseher. Alte Gardienen, aber alles sehr sauber und ordentlich hergerichtet. In das Zimmer führte eine Tür. Dahinter war es dunkel. In der Mitte des Zimmers stand ein Sessel an einem Wohnzimmertisch mit Tischdecke. Ein paar Kreuzworträtsel, eine Herrenbrille.

  • Der ist mir bisher überhaupt noch nicht aufgefallen.

Sagte Robinson.

  • Doch, ich habe ihn schon öfter gesehen. Wenn ich den Nebeneingang benutze, dann kann ich ihn genauso beobachten, wie er mich. Doch jetzt scheint er mehr Licht zu sich hineinlassen zu wollen.

  • Im Grunde seit ihr ja auch direkte Nachbarn. Und wie ist der Mann so?

  • Ich weiß nicht viel über ihn. Er wohnte schon hier, als mein Vater noch das Sagen hatte. Wir reden nicht miteinander. Wir beobachten uns nur. Er sieht mich, wenn ich hier vorbeigehe und ich sehe ihn, wenn er an diesem Tisch sitzt. Er ist mir nicht unbedingt unsympathisch. Es hat mir für ihn leid getan, als seine Frau damals starb. Obwohl genau sie es war, die diese Mauer hier vor vielen, vielen Jahren errichtet hatte. Es freut mich, das der alte Mann sich für die Welt vor seinem Fenster zu interessieren beginnt. Es ist eine diskrete Neugierde.

  • Bist Du Dir da so sicher?

  • Ich stelle es mir so vor.

  • Aha. Und Du meinst das reicht?

  • Ich hoffe es.

  • Und wenn nicht?

  • Der liebe Gott sagt zum Thema neugierige Nachbarn immer nur eines: Lebe immer so, das jeder ruhig wissen kann, was Du tust. Und immerhin, der Mann hinter dem Fenster ist ein guter Zeitzeuge. Von mir aus kann und soll jeder wissen was ich mache. Ich mache kein Geheimnis daraus, ich habe allerhöchstens, die eine oder andere kleinere Privatsphäre. Den Rest kann jeder wissen. Dank Internet. Tolle Technik, übrigens

  • Ich kenne mich mit dem Computerkram gar nicht aus. Und, wenn ich ehrlich bin, ich möchte eigentlich gar keine Buchstaben mehr sehen.

  • Ach, Robinson, so schwierig ist das im Grunde gar nicht. Wir sollten vielleicht ein kleines Internetcafe auf diesem Platz errichten. So nach dem Motto: Hier wird Ihnen geholfen …. Dein Bruder ist doch auch einer der vielen Neffen des Osiris, wenn ich das richtig sehe, müsste ihm der ganze Computerkram doch im Blut liegen. Hm … ob Dein Bruder nicht doch mal vorbeikommen könnte. Ich würde ihn wirklich gerne mal sprechen.

Das Zentrum

Sie kamen zum Saftladen und

schauten durch die offenen Fenster hinein.

  • Viel Arbeit.

  • Viel Kunst.

  • Genau. Kunst am Bau.

  • Wie fliesen alles Rot und Blau.

  • Du bist die Göttin.

  • Morgen früh fangen wir an.

  • Und jeder zeigt wie gut er zaubern kann?

  • Klar, schließlich haben wir beide einen Ruf zu verlieren. Wir müssen aus Scheiße Gold machen, würden die Alchemisten jetzt sagen. Aber im Grunde haben sie Recht. Viel mehr, als einen Haufen Scheiße haben wir nicht als Ausgangsmaterial. Die Hölle ist weggezogen, erinnerst Du Dich? Mit ihr können wir leider keine Geschäfte mehr machen.

  • Strandgut, Monalisa, Strandgut, das ist es was Du brauchst. Und den Rest finden wir auf der Straße. Glaube mir, hinter all diesen Häusern wird ebenfalls renoviert. Und das heißt, es gibt eine Menge Müll, den wir einsetzen können.

  • Na, wenn das so ist, dann sollten wir …

  • Genau Göttin, morgen fangen wir an. Und wer weiß, vielleicht sind wir schneller fertig, als wir gucken können.

  • Also, gut, Robin. Dann bauen wir eine Strandgutküche. Ein Modell für eine Küche, die den 3. Sternenkrieg nicht nur überlebt, nein, sie soll auch während eines Krieges Schutz und Wärme ausstrahlen kann. Denn, es werden bald schon dunkle Zeiten auf uns zu kommen, Robin. Wir müssen alles sehr sicher bauen.

  • Etwa erdbebensicher?

  • Mindestens.

  • Oh je, Du meinst wirklich, hier, hier hat doch noch nie …

  • Doch, Robin, hier hat, und das ist auch noch gar nicht solange her. Und davor war es auch schon mal. Der Krieg der Sterne ist nun mal uralt.

  • Aber die Hölle ist doch umgezogen.

  • Und das Paradies ist ebenfalls umgezogen, Robin. Dessen Zentrum ist jetzt wieder am Nabel der Welt, und der ist hier.

  • Also, verehrte Göttin, manchmal frage ich mich, ob die Hölle nicht ehr vor Dir die Flucht ergriffen hat.

Monalisa zwinkerte mit ihrem linken Auge.

Und sie gingen noch einmal in Ruhe die Planungen für den morgigen Tag durch. Monalisa machte sich einige Notizen und steckte ihr Schwarzes Buch wieder in die Manteltasche. Robin bot ihr eine Zigarette an.

  • Oh … ja, eine Baustelle ohne Zigarette ist keine richtige Baustelle.

  • Hier, ich schenke Dir das Päckchen, ich habe noch eins zu Hause.

  • Danke, Robin. Hm … wir sollten in dem Garten auch Tabak anpflanzen. Und Zauberkraut. Ich habe ein paar ganz besondere Samen irgendwo zwischen meinen Sachen. Also, dann bis morgen, Robin. Ich werde noch mal bei Satan anklopfen. Vielleicht besinnt der Kerl sich ja doch noch. Er wird hier schließlich gebraucht.

  • Wie schon gesagt, ich mache Dir alles was gebaut werden kann, aber von der ganzen Elektroscheiße habe ich keinen blassen Schimmer. Es interessiert mich wohl einfach nicht genug.

  • So habe ich auch einmal gesprochen, Robin. Und Du weißt, was dann passierte. Wenn der liebe Gott hört das Du etwas nicht kannst, dann bist Du schneller Elektriker, als Du gucken kannst.

  • Mal den Teufel nicht an die Wand, Monalisa. Strom ist und bleibt mir suspekt. Milliarden rasende Elektronen, uhaa … wenn ich nur daran denke, wie sich das anfühlt, nein … wirklich, Strom ist nicht mein Ding.

  • Aber einen Benzinrasenmäher im Paradies. Den findest Du in Ordnung?

  • Es erleichtert die Rasenpflege enorm.

  • Aber mit Benzin, Robin. Der verpestet die Luft mit Monoxiden.

  • Monoxiden? Was sind denn das für Kerle?

  • Das sind keine Kerle, das sind einsame Mädchen.

  • Ein Benziner erschafft einsame Mädchen? Davon habe ich ja noch nie gehört.

  • Andere nennen sie auch freie Radikale. Aber genauer müsste man eigentlich sagen, freie radikale Mädchen oder Frauen. Denn der Sauerstoff ist weiblich. Und radikaler Sauerstoff ist sehr aggressiv. Er frist sich durch alles. Das einsame Sauerstoffatom sucht verzweifelt einen Bindungspartner und ist dabei alles andere als wählerisch. Und je nach dem, welchen Partner das Atom wählt, können die Folgen dramatisch sein. Diese Radikalen Frauen bringen viel durcheinander. Sie sind rücksichtslos und sehr besitzergreifend.

  • Wie meine Schwester!

  • Die wird ruhiger werden, wenn sie aufhört so kopflos herumzurudern.

  • Meine Schwester rudert doch nicht. Madame schwebt über den Monetenwolken.

  • Nein Robin, dort! Schau über das Sonnenmeer, siehst Du das kleine Bötchen da hinten am Horizont, da ist Deine Schwester in Wirklichkeit. Der Rest ist Einbildung. Aber die Richtung stimmt. Siehst Du nicht, wie sie sich abmüht?

  • Na, dann, dann sollte sie vielleicht endlich mal die Segel setzen, kann ich nur sagen. Sie wird hier gebraucht. Das ist es, was ich dazu nur sagen kann.

  • Sie wird schon kommen, Robin.

  • Dein Wort in Gottes Ohr, Monalisa.

Und dann verabschiedeten sie sich endgültig. Morgen war schließlich auch noch ein Tag. Sie schaute auf ihren Kalender. Dienstag? … heute war ja schon Dienstag. Na, so etwas, das … und sie dachte, es sei immer noch Montag.

Was war denn bloß mit der Zeit los? Fing das mit dem Wabern etwa schon wieder an? Ein ganzer Tag! Unglaublich … er war einfach weg. Das gibt es doch gar nicht, dachte die Göttin. Hier stimmt doch was nicht. Sie griff nach ihrem Notizbuch. Es war verschwunden. Mit dem Stift. Und der Tabak, er war auch weg. Das gibt es doch nicht! Die Göttin war ratlos. Sie suchte den Weg ab, doch es war schon zu dunkel, ein Schwarzes Buch ist in der Nacht auch für eine Göttin nicht zu sehen.

Vielleicht hatte sie es bei Satan liegen gelassen? Dachte sie irgendwann. Sie hatte bei ihm ihren Mantel ausgezogen. Hm … es nützte nichts, sie musste noch mal zu ihm. Das Buch war ihr sehr wichtig. So etwas durfte einfach nicht verloren gehen. Sie band den Hund an die Leine und sie radelte durch die Gassen zum Kastanienplatz. Hinter einigen Fenstern leuchtete Licht. Die Häuser waren also tatsächlich, zumindest zum Teil bewohnt. Das stimmte die Göttin hoffnungsfroh. Und so ging sie auch voller Hoffnung die Treppe zu Satan Behausung hinauf. Licht ging an. Sie schaute sich um. Hier wohnten offensichtlich auch noch andere.

Sie klopfte an seine Tür.

  • Wer ist da?

Hörte Monalisa seine Stimme.

  • Ich bin es noch mal, ich glaube, ich habe bei Dir etwas vergessen.

Die Tür öffnete sich wie von Zauberhand.

Monalisa schaute auf die Stelle, wo vorhin ihre roten Perlen gelegen hatten. Der Platz war leer. Sie ging in seine Lavahöle. Alles war schön aufgeräumt. Er war in einem Nebenzimmer und kramte etwas auf dem Boden. Monalisa rief ihn und er kam zu ihr.

  • Ich suche mein schwarzes Buch.

  • Ach, diesmal etwa kein Schwein?

  • Nein, diesmal nicht. Ich habe das Buch bestimmt hier liegen gelassen, ich meine, ich hätte es hier hin gelegt, als ich den Mantel ausgezogen habe.

Satan bückte sich und suchte die Stelle gründlich ab.

  • Nein, tut mir Leid, hier ist kein Buch.

  • Auch kein Tabak?

  • Auch der nicht.

  • Hm … das verstehe ich nicht, ich hätte gedacht. Nun, entschuldige die Störung, dann gehe ich wieder. Komm, Mirage.

Die Göttin drehte sich noch mal nach ihm um:

  • Und Du willst mir tatsächlich nicht helfen?

  • Ich habe es nicht vor.

  • Dann kannst Du mein Freund leider nicht mehr sein, Satan.

  • Hängt bei Dir Freundschaft davon ab, ob jemand etwas für Dich tut?

  • Nein, aber ob er etwas für die Gemeinschaft tut, schon.

  • Ich habe meine eigene Gemeinschaft.

  • Ich dachte, wir wollten Himmel und Hölle miteinander verbinden, Satan. Was ist aus unseren Plänen geworden? Hast Du das etwa alles schon vergessen?

  • Du denkst doch immer nur an Dich. Du und der Nabel der Welt! Lass mich damit in Frieden.

  • Gut. Wenn das Dein letztes Wort ist.

  • Es ist mein letztes Wort.

Und die Göttin radelte nach Hause. Das verstand sie nicht. Da war doch irgendwie etwas durcheinander geraten. Die Zeit. Diese verflixte Zeit. Sie war manchmal ganz besonders relativ.

Sollte Gott Vater etwa Recht behalten? War ihre Menschenkenntnis so schlecht? Es war für einen Gott nicht immer leicht, das satanische Weltbild zu verstehen. Die Satanier handelten nicht selten irrational. Das ging manchmal bis zur Selbstzerstörung. Satan-Junior schien ihr eine glückliche Ausnahme gewesen zu sein. Aber sie hatte sich wohl doch getäuscht. Sie konnte es zwar nicht glauben, aber der Mann war tatsächlich zu blöd für ihre schöne neue Welt. Gut, dachte die Göttin. Jeder bestraft sich selbst. Sie würde ihn vergessen. Vielleicht fand SIE ja einen anderen für die gerade wieder frei gewordene Stelle.

Sie ging in ihr Schlafzimmer. Die Kerze brannte. Das konnte doch gar nicht sein. Und die Kerze war offensichtlich gerade erst angezündet worden. Ein Teller mit warmer Suppe stand auf ihrem fliegenden Tisch. Hm … sie schaute auf den Gang hinaus und zur Treppe herunter. Hier war niemand. Das konnte sie spürten. Kein Laut war zu hören. Nur Mirage hechelte leise neben ihr.

Das war doch alles ziemlich merkwürdig, dachte die Göttin. Irgendjemand drehte an der Zeitspirale. Wer zauberte denn hier für SIE?

Monalisa tat der Nacken weh. Hm … wenn sich die Einwirkung im Nacken äußert, dann ist es etwas Unbewusstes. Merkwürdig. Sie zog sich nachdenklich aus und schlüpfte unter die weiche Decke. Mirage lag ermattet auf ihrem magischen Teppich.

Müde war SIE. Zwei Tage wie Einer. Das war ganz schön anstrengend, dachte sie noch, und schon war sie auch schon tief und fest eingeschlafen.

29. September 2005:

Monalisa kam gerade von Äskula. Die Heilerin hatte sich am alten Tempelplatz häuslich eingerichtet. Das alte Haus war von innen schön renoviert worden. Die alten Fenster waren frisch lackiert und der Boden war gefliest und mit schönen alten Teppichen belegt worden. Im kleinen Wartezimmer saß ein Mann. Ein alter Indianer. Monalisa grüßte ihn höflich:

  • Guten morgen.

  • Guten morgen.

Gab der alte Mann ebenso höflich zurück. Monalisa setzte sich. Sie schauten sich an. Monalisa hielt sich den schmerzenden Arm.

  • Hast Du Schmerzen?

  • Ich habe mir beim Zaubern den Arm verletzt.

  • Ja, ja, das ist Berufsrisiko. Ich sitze hier, weil ich der Letzte meiner Art bin. Auch so ein Berufsrisiko.

  • Ach … was ist Dir denn passiert?

Fragte die Göttin interessiert. Der Indianer schaute SIE eindringlich an.

  • Nein, wirklich? … Das ist ja unglaublich!

Brach es aus der Göttin hervor. Daran hatte sie ja noch nie gedacht!

So blöd konnte doch keiner sein!

  • Doch, ich war so blöd. Fast alle waren so blöd. Zu meiner Zeit.

  • Ja, stimmt, wenn ich so recht darüber nachdenke, dann ist das einem Mitglied meiner Familie unter Umständen auch passiert. Jesus. Kennst Du ihn vielleicht? Er war wenn ich es recht erkenne doch fast ein Zeitgenosse von Dir.

Der Indianer schwieg zunächst. Er überlegte lange, dann sagte er:

  • Wir waren dumm. Überheblich und eingebildet. Arrogant. Ja. Die Frau war uns suspekt und fremd geworden. Mit der Zeit.

  • Sie war Euch zu mächtig. So würde ich es ehr betrachten. Die Mutter. Die Frau. Das Töchterchen. Ihr wolltet SIE lieber nicht dabei haben. Es alleine machen. IHR wolltet ihr zeigen, wie toll ihr Männer seid. Ein Universum von ganz alleine aus dem Hut gezaubert.

  • Wir haben sie eingesperrt. Geschlagen und getreten, verehrte Sonnengöttin. Und mit der Zeit haben wir Angst vor ihnen bekommen. Vor den Frauen, meine ich.

  • Und dann hast Du Dich selbst ins All geschossen?

  • Wir waren mehrere. Doch die anderen habe ich mit der Zeit aus den Augen verloren. Ich bin blind geworden. Irgendwo lies man mich zurück, oder ich weiß nicht … vielleicht waren die anderen auch blind geworden. Ich weiß es nicht. Ich bin jedenfalls hier. Wo ich jedoch bin, das weiß ich nicht mit Sicherheit zu sagen. Ich lebe halt in meiner eigenen kleinen Welt. Die habe ich mir erhalten können. Nicht alles ist vergessen. Nicht alles ist unsichtbar. Es gibt Dinge, die mich erinnern.

  • Interessant. Und woher weißt Du, wer ich bin?

  • Ich sehe Dein Licht. Du leuchtest sehr hell. Und in Dir drin sehe ich den großen Sonnenstein. Glutrot leuchtet er mich an. Ich sehe Dein Licht.

Monalisa war gerührt.

  • Und was machst Du hier bei Äskula?

  • Sie will mir eine Brille geben.

  • Ah, ja, das ist ein guter Vorschlag. Eine Brille kann wahre Wunder bewirken.

  • Und was hast Du?

  • Mein Arm, er ist überlastet und zwingt mich zur Ruhe. Ich habe mich wohl von der Tatkraft zu sehr mitreißen lassen. Ich möchte, das Äskula mir den Arm mit einem Stützverband verbindet. Meine rechte Hand ist einfach nicht mehr zu bändigen. Der Arm will etwas tun, auch wenn es weh tut. Das ist natürlich sehr unvernünftig, und deshalb muss er festgebunden werden. Im seinem eigenen Interesse sozusagen.

  • Ich denke, im Paradies gibt es keinen Zwang.

  • Aber Notwendigkeiten.

  • Ja, ja, die Notwendigkeiten. Die Frauen sind notwendig. Ich verstehe das jetzt auch. Nur, wo finde ich eine, die zu mir passt.

  • Leben auf der Erde denn keine Frauen Deines Stammes mehr?

  • Auf der Erde, ja sicher. Aber wo ist die?

  • Ich könnte Dich hinbringen.

  • Du würdest mit mir gehen?

  • Ich würde mit Dir dort hin fliegen. Klare Sache. Ich muss nur mein Bombini reparieren. Es hat bei der letzten Landung leider einen schwerwiegenden Schaden erlitten. Aber, wenn es fertig ist, warum nicht? Natürlich nehme ich Dich gerne mit. Melde Dich einfach regelmäßig beim Schloss. Und wer weiß, vielleicht habe ich sogar Verwendung für einen fehlsichtigen Indianer. Warten wir mal ab, was die Brille bringt.

  • Du bist eine schöne Frau.

  • Kannst Du mich sehen?

  • Mit meiner Seele, ja. Ich habe sehr viel Liebe für Dich.

  • Ich danke Dir. Ich finde Dich auch sehr sympathisch.

  • Ob Du mich vielleicht auch lieben könntest?

  • Wolltest Du nicht eine Frau Deiner Art?

  • Ja, schon, aber … wenn Du mich haben wolltest? Ich bin ein guter Mann. Ehrlich, ich habe dazugelernt. Und ich bin liebevoll, zärtlich …

  • Alter Indianer, mein Leben ist eine Baustelle. Glaube mir, Du würdest Dir ständig den Kopf stoßen.

  • Ich werde sehen lernen.

  • Mach das. Und dann fliegen wir auf die Erde. Wenn mich nicht alles täuscht, dann kann man die Landebahnen schon vom Mond aus erkennen, und da müssen wir zu Erst hin. Ja, das ist gar keine schlechte Idee.

  • Wir haben Landebahnen ohne Ende, Göttin! Und wir sind ein sehr gastfreundliches Volk.

  • Also, abgemacht! Wir landen in den Anden.

In diesem Moment wurde Monalisa ins Sprechzimmer gerufen.

  • Und Du willst wirklich ein so großes Risiko eingehen?

Fragte Äskula ihre Patientin. Sie befühlte den schmerzenden Unterarm.

  • Du wirst ihn schonen müssen, ob es ihm in den Kram passt oder nicht.

  • Das sehe ich auch so. Nur verbinde Dir selbst mal den rechten Arm. Bitte, hast Du nicht eines dieser magischen Zauberverbände?

  • In orange, grün und blau. Ich würde den Blauen empfehlen.

  • Blau ist sehr gut. Danke. Schön das Du Dich entschlossen hast hier eine Praxis ein zurichten. Der alte Tempel liegt doch für alle Bewohner sehr zentral.

  • Aber leider ist der Tempel nicht mehr das, was er mal war. Hast Du es schon gesehen? Der Vorbesitzer hat den ganzen Bau umdrehen lassen.

  • Seit wann kann man einen Tempel besitzen? Tempel sind für alle da.

  • Der hier aber nicht.

  • Ach. Und wer maßt sich dieses Recht an?

  • Der Papst. Ist ein Deutscher.

  • Das der Papst ein Deutscher ist, dagegen habe ich nichts einzuwenden, nur besitzt dieser Papst den Tempel trotzdem nicht. Das ist Unsinn. Wer sollte ihm den denn geschenkt haben?

  • Nicht geschenkt, Monalisa, verkauft.

  • Was? Einen Tempel kann man doch nicht verkaufen.

  • Wieso? Wenn einer zahlt?

  • Das ist Hehlerei und kein Verkauf. Nur persönlich erschaffener Besitz kann verkauft oder auch verschenkt werden. Aber der Papst hat diesen Tempel nicht gebaut. Das ist ein Gotentempel. Den haben Goten erbaut. Und Goten würden niemals ihren Tempel verkaufen. Niemals.

  • Nun, einer hat es doch getan.


Der Sonnentempel

  • Das glaube ich nicht.

  • Doch, Monalisa, ein Westgote wie Du. 700 Jahre ist das jetzt her.

  • Was? Mein Vater hat die Kirche verkauft?

  • Ja, so heißt es.

  • Und was hat er dafür bekommen?

  • Einen Tritt in den Arsch.

  • Na, den hatte er sich verdient. So ein Blödsinn. Das kann doch nicht wahr sein. Das Schwarze Schaf in den eigenen Reihen! Oh wei … oh wei … na ja, was soll’ s, die Karre muss so oder so wieder aus dem Dreck.

  • Mit Deinem Arm wirst Du das vorläufig nicht schaffen, Monalisa.

  • Dann muss die Karre halt noch ein bisschen warten. Aber auch sie kommt dran, das verspreche ich.

  • Ein gotisches Versprechen?

  • Ein gotisches Versprechen, vielen Dank, Äskula. Mein Arm fühlt sich schon gleich besser an. Ich glaube er selbst ist auch erleichtert.

  • Hier ich schenke Dir den Rest des Verbandes.

  • Etwa für den linken Arm?

  • Oder eine andere helfende Hand. Ich freue mich, das Du den alten Saftladen wieder eröffnen willst. Komme vorbei, wenn Dich etwas bedrückt oder schmerzt, ich habe nicht so viele Patienten.

  • Es werden mehr werden, Äskula.

  • Ja, ich weiß, und die anderen werden immer älter.

  • Ich würde auch den Jungbrunnen gerne wieder eröffnen. Das Gebäude steht noch. Ihn jedoch wieder ans laufen zu bringen, das wird viel Arbeit sein. Aber die Pläne existieren noch.

  • Ich wünsche Dir viel Erfolg, Monalisa.

  • Ich Dir auch, Äskula. Machst einen guten Job, finde ich.

  • Danke. Du auch.

Das Satan nicht mehr mit machen wollte bedrückte Monalisa. Sie brauchte ihn. Ein Paradies ohne Satan? Gut, es ginge sicherlich eine Weile auch ohne, aber irgendwann würden jeder mal ein Schweinehund, und wer sollte den dann im Zaum halten?

Welcher Engel hatte Lust auf seinen Job?

Wer würde in den Zwischendecken herumklettern? Wer die Technik installieren? Wer würde sich um die Schnittstellen kümmern? Wer würde mir die bösen Buben, die überall mal auftauchen vom Halse halten? Wer würde mir den Rücken massieren? Wer mir seine Pfeife reichen?

Gut. Monalisa hatte ihn geschlagen und gebissen, aber das war ja wohl kein Grund. Das musste sein. Sonst wäre womöglich noch etwas viel Schlimmeres passiert.

Satan Satanius war schließlich nicht irgendwer.

Satan Satanius, der große Administrator.

Satan, der kletternde Abenteurer.

Satan, die schwarze Spinne im weißen Netz.

Wenn er doch nicht ein so großer Blödmann wäre, dachte Monalisa. Sie ging auf das Meer hinaus. Es war immer noch fest. Wie eine vertrocknete Wüste sah die Oberfläche im Licht der Sonne aus. Unter ihr hingen die Seelen, die der große Regen mitgenommen hat. Sie wischte mit der verbundenen Hand den Staub zur Seite. Fest wie ein Diamant erschien die Oberfläche. Sie schaute zu den Hilfesuchenden herunter. Die Situation erschien ihr wie eingefroren. Arme reckten sich ihr entgegen, Kinder weinten, Frauen klagten, Männer verzweifelten. Schrecklich, dieser Auswurf der Hölle. Schrecklich anzuschauen. Und deshalb schaute sie auch nicht hin. Es würde ihr das Herz brechen. Aber sie hatte die Rufenden nicht vergessen. Sie war unterwegs. Die Hilfe würde bald kommen. Sie musste nur erst den Laden wieder in Schwung bringen, dann würden die Springbrunnenanlage wieder funktionieren, und dann, ja, dann würden die blühenden Gärten zurück erobert mit der Kraft der Natur. Sie hatte sich das alles ganz genau überlegt. Und mit ihrem Modelluniversum wollte sie ein Beispiel geben, an dem sich alle anderen orientieren konnten. Und dann, dann würden die Gärten aller wiederbelebt. Und das Paradies wäre im Himmel, wie auf Erden.

Aber erst einmal hatte sie andere Probleme. Die Hexe hatte sich angekündigt. Sie möchte ein Bild von sich. Unfassbar, diese Frau. Aber bitte, soll sie sich ihr Bild hier abholen. Bringen tue ich es ihr nicht.

Monalisa war nicht gut zu sprechen auf diese Wald – und Wiesenspinne, aber Verwandtschaft war nun mal Verwandtschaft. Die konnte man sich leider nicht aussuchen. Es war wirklich ein Kreuz mit dieser Spinne. Völlig verblödet. Völlig unbewusst. Und dabei unverschämt und dreist. Und von nahem betrachtet hässlich wie die Nacht. Obwohl Monalisa so etwas nicht gerne sagte. Eigentlich waren alle Geschöpfe schön. Nur, wenn ihr inneres Wesen Schaden genommen hatte, dann konnte auch die niedlichste Wiesenspinne zu einer hässlichen Fratze mutieren.

Sie würde tun was sie konnte, und der Frau zu einem ansehnlichen Bild verhelfen. Aber lügen würde sie auch nicht. Ihr Sohn hatte sich auch ankündigen lassen. Er will mal vorbeischauen. Ph … dachte die Göttin, tragen helfen, das wäre jetzt angesagt. Na ja, vielleicht kommt er ja noch von selbst drauf.

Monalisa kam an der Insel vorbei. Es war keiner da. Aber Ordnung war geschaffen worden. Alle Achtung, das ganze Strandgut war fein säuberlich gestapelt. Eine Hütte aus alten Fenstern, frisch angestrichen, ein versteckter Garten, mit vielen Blumen und Sträuchern. Ein paar alte Stühle, ein Tisch. Der Kapitän war nicht anwesend. Aber all dies hier trug seine ganz persönliche Handschrift. Monalisa nahm einen Zettel und hinterließ ihm eine Notiz. Dann ging sie weiter.

Sie traf Robinson, der mal wieder mit seinem Fahrrad unterwegs war. Sie schickte ihn mit der Nachricht weiter, Sonntag zum Frühstück in der Wunderbar. Und er sollte bitte auch versuchen, Kleopatra zu erreichen. Sie wolle etwas mit ihnen allen besprechen.

  • Und was ist mit der Arbeit? Was ist mit Deiner Hand?

  • Zwangspause. Mindestens bis Samstag.

  • Wir sehen uns. Ich muss weiter, Monalisa.

  • Wir sehen uns, Robinson.

Monalisa ging zurück in Richtung Sonnentempel. Umgedreht? Tatsächlich. Da hatte jemand den Tempel verkehrt herum aufgebaut. Der Untergehenden Sonne entgegen. Komisch. Was sollte denn der Quatsch, dachte die Göttin, als ein alter Mann über den Platz auf sie zu gelaufen kam.

  • Oh … wie schön, diese Häuser hier alle, oh, wie schön sieht das hier aus.

  • Sie scheinen hier fremd zu sein?

Fragte Monalisa den Mann, der sich mit großer Ergriffenheit an sie gewand hatte.

  • Ich war früher schon mal hier, aber das ist lange her. Da stand die Kirche noch richtig herum. Und die Kastanienbäume, die habe ich auch noch mitangepflanzt.

  • Sind Sie zu Besuch hier? Kommen sie von weiter weg?

  • Ich, nein, ich wohne gleich hinter der großen Mauer. Kennen Sie die?

  • Oh ja, aber ich war nur selten auf der anderen Seite.

  • Bei uns ist es ja auch nicht so schön wie hier. Ich komme gerne hier hin.

  • Nun, dann schauen sie beim nächsten mal an diesem Laden dort drüben vorbei. Dort werde ich bald wieder den berühmten Sonnennektar ausgeben.

  • Sie wollen das Geschäft wieder eröffnen.

  • Einen Zaubersaftladen, ja.

  • Ach, das klingt ja interessant.

  • Und den Jungbrunnen möchte ich auch wieder in Betrieb setzen.

  • Den Brunnen! Ja, das klingt doch wunderbar.

  • Na, und die Wunderbar hat sogar schon geöffnet. Dort gibt es ein sehr gutes Frühstück. Sollen wir dort vielleicht einen Kaffee trinken?

Fragt Monalisa den alten Mann.

  • Meine Frau erwartet mich. Aber beim nächsten mal gerne. Wie hieß der Ort? Wunderbar? Kenne ich noch gar nicht.

  • Ist neu aufgemacht worden. Ein alter Indianer geht dort auch öfter hin. Aber auch viel junges Volk.

  • Das finde ich ja wirklich ganz klasse. Jetzt, wo das Tor wieder auf ist, da ist das Leben doch viel schöner, sonniger und lichter.

  • Bringen Sie ihre Frau doch mal mit.

  • Oh … sie ist da sehr einseitig. Sie trägt da noch gewisse Bedenken.

  • Hm … dann gehen sie doch mit ihr mal ins Theater.

  • Ein Theater gibt es hier auch?

  • Die Spielzeit wird wieder aufgenommen. Plakate werden den Termin rechtzeitig bekannt geben.

  • Oh … das ist ja wirklich paradiesisch! Ich werde natürlich kommen. Und meine Frau auch. Theater, das gefällt ihr.

  • Grüßen Sie ihre Frau.

  • Vielen Dank, und von wem bitte.

  • Ich bin Monalisa. Die Göttin dieses Platzes.

  • Und, also, dann möchte ich mich auch vorstellen, mein Name ist Hugo. Hugo Gerling. Der Konzern, Sie kennen ihn sicher.

  • Ist der nicht auch platt gemacht worden?

  • Auf dem Papier ja. Aber in Wirklichkeit läuft der ganze Verein natürlich weiter. Nur für die Öffentlichkeit, für die sind wir nicht mehr greifbar. Der gesellschaftlichen Kontrolle entzogen. Unsichtbar eben.

  • Ist ja interessant.

  • Ich könnte noch viel mehr erzählen.

  • Beim Sonntagsfrühstück vielleicht. In der Wunderbar?

  • Gute Idee. Ob mit oder ohne Frau, ich komme, bestimmt.

  • Bis Sonntag, Hugo.

Ja, stimmt, dachte Monalisa, hier hatten einmal große Kastanien gestanden. Jetzt war der Platz gepflastert. Die ehemaligen Umrisse des alten Tempels waren zum Teil noch sichtbar. Hier könnte ein neuer Tempel stehen, und die falsche Kirche reißen wir ab. Die steht tatsächlich völlig falsch. Der jetzige Besitzer mochte sich querstellen, aber dieses Schandmal musste verschwinden. Es machte den ganzen Ort kaputt. Vielleicht würde sie die Umrisse der Mauern kniehoch stehen lassen. Dann könnte man Bänke daraus machen. Einen großen Park anlegen. Und den Tempelpavillon, der käme hier mitten auf den alten Platz. Ja, so konnte SIE sich das schon sehr gut vorstellen.

Monalisa schaute die Mauern dieses verkehrten Tempels genauer an. Einfach umgedreht. Was für eine Frechheit. Die Göttin schüttelte den Kopf über so viel Gemeinheit.

Sie dachte an Satan. Was er wohl machte? Ob er immer noch schmollte? SIE konnte es einfach nicht lassen. Ein Paradies ohne Satan? Was wäre die Alternative. Was würde Satan dann machen? Wo würde er hingehen? Was würde er, da wo er war, tun? Für wen würde er arbeiten? Für wen arbeitete er überhaupt? Ein Sklave sei er, hatte er ihr gesagt. Ein Mietsklave, also einer, der sich für Geld mehr oder weniger freiwillig versklaven lässt.

Und er wollte lieber für Geld arbeiten, als für Nichts. Ein Nichts hatte er ihr Universum genannt. Eine sinnlose Missgeburt. Ein Hirngespinnst. Ihm gefiel seine Rolle in dem Stück ganz und gar nicht. Er weigerte sich. Und entschied, nein, da mache ich nicht mit. Ich arbeite nicht für eine braune Irre und ihren eingebildeten Sonntagsstaat. Sie hat mich angeschrieen, geschlagen und am Ende sogar gebissen. Noch nicht einmal entschuldigt hat sie sich dafür. Sie ist nur zufrieden, wenn ich leide. Ich soll für sie leiden. Ich denke gar nicht daran, hörte sie seine Gedanken.

Wieso leiden, fragte sich die Göttin. Wieso litt Satan? Und unter was? Warum fehlte es ihm an der nötigen Kraft? Wo war sein innerer Antrieb geblieben? Sie hatte dieses Phänomen jetzt schon des öfteren beobachtet. Erst waren die Herren Feuer und Flamme, und dann plötzlich brachen sie ein. Keine Ausdauer. Kein Stehvermögen. Keine Energie. Und dann sollte die Göttin bitte schön auch nicht mehr weiter gehen. Dann wurde gebremst. Und dann zerstört. Und irgendwann wurde die Seite gewechselt. Nein, das wäre tatsächlich nicht das erste Mal in der Geschichte. Wie viele freie Frauen kennen dieses Leid?

Emanzipation … ein Hungerlohn.

Emanzipation, die Erfindung eines Hurensohn.

Emanzipation verlangte auch der Königssohn.

Er bekam dafür den Hungerlohn.

Wer litt hier eigentlich? Dieser Mann ist schlicht und ergreifend zu faul den Karren aus dem Dreck zu ziehen, den er selbst in die Scheiße geführt hat. Wie viele Verbrechen gehen auf SEIN Konto? Der faule Mann. Füße hoch und: Ich habe Hunger! Rufen. Oder noch Schlimmer: Mach doch selbst … ich kann nicht, ich muss arbeiten. Und dann noch: Irgendwer muss das Geld schließlich verdienen, das Du ausgibst. Frechheiten ohne Ende. Monalisa konnte es wirklich nicht mehr hören. An den Theken standen sie und starrten auf ihr Bier. Der wohlverdiente Feierabend. Wo waren nur die wahren Männer abgeblieben? Alles Waschweiber! Jammerlappen oder Knechte. Sie verstand das nicht. Als Mann würde sie sich einfach nur noch schämen. Sie schüttelte mit dem Kopf.

Emanzipation wovon?

Von diesem Jammerhaufen?

Die haben sich doch total verlaufen,

können ihren Frust nur noch herunter saufen.

Männer hebt endlich Eure Köpfe,

schaut nicht nur in die leeren Töpfe.

Nehmt den Spaten in die Hand.

Bearbeitet das ganze Land.

Es gibt wirklich genug zu tun.

Gerade für Männer in guten Schuhen.

Faulenzer gehören auf die Bank.

Ihr Nichtstun wird als Krankheit anerkannt.

Und dagegen oft nur noch die Langeweile hilft.

Denn, sie ist der Faulheit größtes Gift.

Selbst der Alkohol vertreibt sie nicht.

Langeweile ist unsinniger Selbstverzicht.

Männer, Männer, ich verstehe Euch nicht!

Wäre ich so faul, ich schämte mich!

Worauf wartet ihr?

Warum kommt ihr nicht hier her?

Dies ist unser aller Land.

Im Grunde sind wir alle verwandt.

Früher waren wir als die Goten bekannt.

Heute sind wir Verbotene im eigenen Land.

Der Gote verachtet die Sklaverei,

ihr Land hielten sie lange davon frei.

Die Römer lebten von dieser Schweinerei,

und betrieben für sich selbst die Völlerei.

Obelix hatte durchaus Recht,

der Römer selbst ist ein armer Knecht.

Doch Cäsar war das nicht.

Er war auch nicht der Bösewicht.

Er ließ sich halt für dumm verkaufen,

er verfiel dem glänzenden Haufen.

Das Gold hatte ihn verhext.

Und auch Kleopatra wurde davon angesteckt.

Ihren Mark beachtete sie nicht.

Sah ihm nie direkt ins Gesicht.

Er sah in ihr das Sonnenlicht.

Doch sie bemerkte es nicht.

Viel zu spät erkannte sie ihn.

Viel zu spät liebte sie ihn.

Viel zu spät sah sie ihn.

Und seither sucht er ihre Gebeine.

Darum gräbt er sich noch heute durch all die Steine.

Und in seiner Hand hält er die Leine.

Frauchen, hier bitte nimm, das ist Deine.

Kleopatra sucht jedoch den brillanten Mann.

Einer der auch wirklich was kann.

Sie wollte nun mal einen Helden,

nur mit ihm würde sie sich vermählen.

Cäsar war zwar ein einfacher Knecht.

Aber das viele Geld, das gab ihm Recht.

Sie gab sich diesem Manne hin.

Zu spät sah sie das Schwein in ihm.

Seine Seele hatte er verkauft.

Das Geld war der Erlös vom Kauf.

Macht und Reichtum waren ihm versprochen,

dafür hat er das Versprechen gebrochen.

Einer tötete den reichen Knecht.

Er hat sich wohl für ein Unrecht gerächt.

Kleopatra trank aus dem Becher.

Sie suchte immer noch den Herzensbrecher.

Und Mark brachte sich selber um.

Der Arme war zum Lieben zu stumm.

Doch jetzt hat er so viel zu erzählen,

er will Kleopatra alles erklären.

Sie rudert durch den Wüstensand.

Es ist ein Wunder, er reicht ihr die Hand.

Das Bild ist alt und stark verwittert,

der Zahn der Zeit hat es zerknittert.

Der Stein ist superglatt poliert.

Und an den Kanten schön verziert.

Ein Kreis ist in die Wand geschlagen.

Ein Tor aus super alten Tagen.

Dahinter öffnet sich die Dimension.

Dahinter wartet eine Division.

Dahinter erwartet jemand seinen Lohn.


Die Gemeinheit

Monalisa war wieder in ihrem Dachzimmer. Mirage schlief auf dem Teppich. Es hatte wieder zu regnen angefangen. Monalisa hatte das Unwetter kommen sehen. Es würde nicht so heftig werden, wie beim letzten mal. Aber es würde regnen ohne Ende. Vorläufig.

Dadurch würde das Meer erwärmt und die Scheiße würde wieder anfangen zu fließen. Sie hatte nicht mehr die Kraft an dem Stöpsel zu ziehen. Ihr Arm war verletzt. Sie würde Unterstützung benötigen. Denn das der Stöpsel entfernt werden musste war einfach logisch. Sonst würde auch der Platz an der Sonne absaufen. Und die Insel des Kapitäns würde sofort weggespült, dachte Monalisa. Die Stöpselaktion war also auch in seinem Interesse. Vielleicht würde er sich ja auf ihre Nachricht hin bei ihr melden?

Ob er ihr das mit dem Arm verziehen hat? Sie hatte ihm nicht anders zu helfen gewusst. Sicherlich, das Zeug brannte tierisch auf der Haut. Aber es schien keine Spätfolgen nach sich gezogen zu haben. Wer soviel Holz hacken konnte, der musste zwei gesunde Arme haben.

Sie waren mal Freunde gewesen. So richtig gute. Leider war auch der Kapitän nicht ganz frei von Ängsten gewesen. Und dann noch der viele Alkohol. Die durchzechten Nächte, das viele Geld, das über die Theke ging, die lachenden Gesichter, das Schulterklopfen, der Kumpel, und die schöne Frau an seiner Seite.

Und dann hatte er alles falsch gemacht, was man nur falsch machen konnte. Eine Katastrophe jagte die Nächste. Bis zu dem Tag, an dem ihn der Schmerz in seinem Arm zur Besinnung brachte. Ohne gesunde Arme war er ein toter Mann. Ein Wrack, ein Nichts, eine Null. Ohne Arme konnte ein Bildhauer nun mal nicht überleben.

Sicherlich, seine Brötchen verdiente er sich als Kapitän der Baustelle. Aber im Grunde seines Herzens war er ein Künstler. Ein Feingeist. Ein Poet.

Doch das war nicht der Typ Mann, der gefragt war. Und sich selbst hatte er schon lange nicht mehr danach zu fragen gewagt. Kunst! Was war sie schon wert? Was war sie ihm wert? War er es wert?

Schwierige Fragen. Sie gingen ihm durch den Kopf, wenn er allein in seiner Hütte stand. Was sollte er tun? Wo war sein Ziel? Was wollte er vom Leben, jetzt, wo er es zum x-ten mal geschenkt bekommen hatte. Wie oft hatte er schon gedacht: Das war es. Und immer wieder ging das Leben weiter. Er fand sich immer wieder auf der selben sandigen Insel wieder. Er konnte einfach machen was er wollte. Am Ende landete er immer wieder hier. Und darum hatte er sich entschlossen hier ein Freizeit- und Erlebniszentrum für Künstler zu erschaffen. Hier war Platz genug. Einen alten Ofen hatte er auch. Und viel Holz vor der Hütte. Er würde zeichnen. Seine Finger auf die Feinmotorik umtrainieren. Sich sammeln, sich konzentrieren und sich wieder an die Kunst wagen.

Er kam nach einem anstrengenden Tag nach Hause. Er öffnete die Tür zu seiner Hütte. Ein weißer Zettel lag aufgerollt auf dem Boden.

Die Göttin brauchte Hilfe. Hm … typisch.

Sie kommt auch nur, wenn sie einen braucht.

Er legte den Zettel auf die Fensterbank. Die alte Schlossküche will sie renovieren. Ph … mit einer kaputten Hand. Na, die hat doch wirklich einen Dachschaden, diese Frau. Soll sie sich doch eine zaubern. Ist doch so eine berühmte Magierin. Gotische Sonnengöttin! Ph … die kann mir gestohlen bleiben. Ich bin Künstler und nicht ihr Knecht.

Er ging in seine Küche. Er würde sie auch gerne endlich in Angriff nehmen. Eine neue Spüle hatte er schon. Aber das würde harte Arbeit werden. Er konnte schließlich nicht zaubern wie Madam. Die hatte immer die tollsten Ideen im Kopf. Aber wenn man nicht aufpasste, dann spannte sie einen ein, und ehe man sich versah, hatte sie eine Küche und er wieder mal nicht. Nein, das kam gar nicht in Frage. Er hatte die Küche ihrer fürchterlichen Mutter schon gebaut, ach, den ganzen Umzug, die Renovierung, alles hatte er gemacht. Und was war der Dank?

Ein armseliger Fetzen Papier! Noch nicht einmal ein gutes Essen war drin. Nein Danke, auf diese Bekanntschaft konnte er getrost verzichten. Und die Göttin? Ach, soll sie doch der Teufel holen, dachte er, den Satan hat sie ja schon.

Er ging ins Bad. Nein, er würde sich nicht bei ihr melden. Und der Hund? Sie wollte ihn doch haben! Jetzt soll sie sich auch um ihn kümmern. Er hatte für den armen Kerl keine Zeit mehr. Er hatte sich schon gefragt, wo der Köter abgeblieben war, doch als er hörte, das die Göttin mit einem weißen Löwen gesehen worden ist, da wusste er, Mirage hatte sie gefunden. Und bei ihr war er gut aufgehoben. Nein, er würde nicht zu ihr gehen. Auf gar keinen Fall. Er würde zeichnen. Er würde Kunst machen.

Heute allerdings nicht mehr. Er hatte zuviel getrunken. Und es war auch schon wieder einmal zu spät zu allem. Er war müde. Morgen früh musste er wieder auf die Großbaustelle. Der Regen würde zu einem Problem werden. Er ahnte es. Und die alte Frau, die oben drüber wohnte, die würde sich noch mehr ängstigen. Er hatte sogar schon auf der Baustelle geschlafen. Die Bauherren dachten mal wieder überhaupt nicht daran.

Überhaupt, irgendwie hatte er das Gefühl, keiner wollte die Entscheidungen treffen, keiner wollte die Konsequenzen tragen. Alles lastete auf seinen Schultern. Alles musste er alleine machen. Ja, wenn er wenigstens eine eigene Frau hätte. Aber die war mit den Kindern in den Fluten untergegangen. Er hatte das Schiff zwar gerettet, aber seine Kinder waren weg. Und die Frau. Ein tragisches Missgeschick. Ein Fehler. Ein ganz kleiner nur. Und vielleicht ein oder zwei Schnäpse zuviel. Und als dann die große Flaute kam, da hatte er noch mehr getrunken. Er hatte das Unwetter nicht rechtzeitig wahr genommen. Und als dann der Sturm aufkam, da war er zu besoffen gewesen. Er hatte das Steuer herumgerissen. Die Schoten gezogen. Das Ruder festgebunden. Er hatte nach unten in die Kombüse geschrieen, er hatte die Segel herunter gerissen. Er hat getan was er konnte, und dann kam der Baum herunter. Als er wieder zu sich kam, da war er allein. Sein Schiff schwer beschädigt. Und er hatte einen fürchterlichen Kater. Und ihm war sterbenselend zu Mute gewesen. Er hatte versagt. Und wiedereinmal hatte er überlebt. Es war immer das Selbe. Er würde noch verrückt werden daran. Immer blieb er als Letzter zurück. Auf dem Schiff, auf der Baustelle, und an der Theke.

Es regnete immer noch.

Hoffentlich machte die Pumpe nicht schlapp. Das Wasser stieg schon wieder. Der Kapitän trat noch mal vor seine Hütte. Die Pumpe lief. Alles war in Ordnung. Und die Göttin hatte das offensichtlich auch bemerkt. Wie ist ihr Zettel nur in das Haus gekommen, fragte er sich. Er hatte doch alles gut verschlossen? Konnte sie jetzt schon durch Wände greifen? Das war es doch, was sie wollte. Mit dem Kopf durch die Wand. Und wenn nicht alles so lief, wie sie wollte, dann wusch sie einem den Schädel. Nein, er würde nicht zu ihr gehen. Sie sollte bleiben wo der Pfeffer wächst. Er zündete sich eine letzte Zigarette an. Die schweren Wolken drückten auf sein Gemüt. Ihr lächeln war sehr süß. Mann, ich habe die Frau doch mal so geliebt. So sehr geliebt. Aber sie hat mich ja nicht gewollt. Wartet auf den Weihnachtsmann. Der Kapitän drückt die Zigarette aus. Nein, ich gehe nicht zu ihrem Haus. Ich ziehe mir jetzt die Schuhe aus. Scheiße, habe ich die Frau geliebt. Er zieht die Tür hinter sich zu. Nein, ich werde den Fehler nicht noch einmal begehen. Ich werde brav ins Bettchen gehen. Morgen war schließlich auch noch ein Tag. Er macht das Licht aus.

Schlaf gut, geliebter Kapitän.

Ich freue mich, wenn wir uns wiedersehen.

Monalisa streichelte Mirage, der sich zu ihr auf das Bett gelegt hatte. Er war sehr anhänglich geworden. Er vermisste Satan, die schönen Touren, auch auf einen Kneipengang mit dem versoffenen Kapitän hätte er mal wieder Lust. Aber bei der Göttin sah der Abend meistens anders aus. Denn sie schieb neben allem Anderen auch noch ein Tagebuch. Er streckte sich kurz und schob seine Schnauze unter ihren Arm. Und zu Fressen hat sie mir heute auch nichts gegeben. Die Göttin schaute auf ihren Hund.

Morgen Mirage, morgen ist auch noch ein Tag. Freitag. Und die Handwerker würden früh vor der Tür stehen. Sie machte das Licht aus. Ich habe Deinen Kapitän auch vermisst. Und Satan auch. Und ihren Göttergatten. Ihren Sohn. Ihre Freunde.


30. September 2005

Die Göttin stand mit der Sonne auf.

Katzenwäsche musste reichen.

Sie schwang sich auf ihr Fahrrad und sie fuhr mit Mirage an das Ufer der großen Sonnenmeeres. Schwere und leichte Wolken verzauberte das Morgenlicht. Sie hörte jemanden eine Trompete spielen. Wer übte denn schon so früh? Sie hörte eine Weile zu, dann radelte sie Mirage hinterher. Er wählte den Weg, und sie kamen wiedereinmal an der Insel des Kapitäns vorbei. Auch er war offensichtlich schon wieder unterwegs.

Sie suchte den Horizont ab. Wo war Kleopatra? Ihr Bötchen dümpelte so vor sich hin. Also, so langsam verstand die Göttin dieses Verhalten auch nicht mehr. Warum kam sie nicht und krempelte die Arme hoch?

Sie radelte über das Meer zurück zum alten Gotenpalsat. Die Bruderschaft der Schlange hatte sich zu einer Ortsbesichtigung angemeldet. Sie sollten die Wasserversorgung des gesamten Komplexes überprüfen. Außerdem stellte sich immer noch die Frage, wo Kundera abgeblieben war.

Die zukünftige Schlossküche lag stumm und geduldig im aufgehenden Sonnenlicht. Was hatte sie hier nur angerichtet? Sie war wirklich eine lausige Magierin. Das hier war doch keine Küche. Das war ein Haufen Dreck. Sie fegte die herumliegenden Papierfetzen und den staubigen Putz zusammen. Sie würde ganz von vorne anfangen müssen. Und die Decke musste auch noch herunter. Dahinter konnten sich weitere Katastrophen verstecken, und diesmal wollte sie keinen Fehler machen.

Wo blieb eigentlich Robinson?

Sie konnte ihren Arm zwar schon wieder etwas besser bewegen, aber sie merkte schnell, das zuviel Anstrengung nur in Schmerzen enden würde, also legte sie den Zauberstab wieder zur Seite. Sie schaute nach ihrem Hexenbesen. Er war nicht mehr an seinem Platz. Sie suchte, doch der Besen blieb verschwunden.

Ja, waren denn alle wirklich solche Drückeberger?

Langsam wurde die Göttin ärgerlich.

War denn niemand mehr pünktlich?

Das war auch so ein Punkt, der ihr aufgefallen war. Die sprichwörtlich gotische Pünktlichkeit, sie wurde manchmal doch sehr geschmeidig ausgelegt.

Sie sah das allerdings ein bisschen anders. Und in ihrem neuen Universum würde sie das auch deutlich zu verstehen geben. Wenn es denn erst einmal erschaffen war. Und dazu brauchte sie das Sternentor. Denn was nützte ihr ein Universum, wenn keiner hineinkommen konnte. Ohne Ein- und Ausgang, ohne Begrenzung … woher sollte man dann wissen, wo das eine Universum begann und das nächste aufhörte. Zellen lebten auch nur in ihrer absoluten Frühphase allein. Später, wenn sie einen Verband bildeten, dann gab es wischen ihnen Tore, Türen, Fenster und Poren. Und über diese Verbindungen fand ein reger Austausch statt. Der eine hatte dies, der andere das. Die eine Zelle kümmerte sich um dies, die andere um jenes. Und Gemeinsam bildeten sie einen Organismus. Einen Universenstaat. Und sie wollte diesem großen Haufen eine neue Zelle hinzufügen. Eine neue Seifenblase in Gottes Schaumbad.

Das war doch wohl nicht zuviel verlangt, oder?

  • Alles braucht seine Zeit, Monalisa.

  • Und ich stehe mir die Beine in den Bauch, oder wie?

  • Du solltest Dich auch etwas ausruhen. Die heiße Phase kommt erst noch.

  • Aber die Blase will einfach nicht größer werden. Winzig klein ist sie noch.

  • Aber Du siehst schon etwas?

  • Ich sehe eine Menge sogar.

  • Na, dann … beruhige Dich. Morgen ist auch noch ein Tag.

Monalisa presste die Lippen aufeinander. Wenn Gott in seiner Wanne lag, dann musste man Geduld haben. Seine Waschungen konnte Stunden dauern, wenn er sich erst einmal in die Seifenblasenreaktionen vertiefte.

Ein Wagen fuhr vor. Nun, die Bruderschaft der Schlange war jedenfalls pünktlich, dachte die Göttin und sie ging den zwei Männern, die dem großen Wagen entstiegen, entgegen. Der eine hatte seinen faltbaren Zauberstab in der Hand, der andere, ein junger Spunt, blieb etwas schüchtern an der Türe stehen. Monalisa war erleichtert. Na, den Mann mit dem Faltstock kannte sie doch!

  • Hallo Harald. Alter Freund, wie bist Du denn unter die Schlangen geraten?

  • Fledermäuse müssen heutzutage vielseitig sein, Monalisa. Und mit meinem Ultraschallgerät bin ich für die Bruderschaft der Schlange ein gefragter Mann.

  • Das freut mich für Dich. Und für mich. Harald, ich habe ein paar spezielle Aufgaben für Euch …

Und die Göttin führte Beide durch die verschiedenen Räumlichkeiten. Als sie den Rundgang beendet hatten und die Herangehensweise abstimmten, nahm die Göttin ihren alten Freund zur Seite und fragte:

  • Sag mal, weißt Du vielleicht wo Kundera sich versteckt haben könnte? Sie ist schon vor Wochen in die Kanalisation abgetaucht. Ich befürchte sie hat sich verirrt und steckt womöglich irgendwo fest.

  • Ich kann das untersuchen, allerdings erst nach Feierabend.

  • Sie ist durch den Kanal hinter dem Swimmingpool verschwunden.

  • Ich werde sehen, was ich herausfinden kann, Monalisa. Hm … das wird die Bruderschaft der Schlange aber sehr beunruhigen, wenn Kundera nicht mehr auftaucht.

  • Deswegen sage bitte erst mal noch nichts. Ich möchte keine unnötige Panik auslösen.

Samstag. Die Zwangspause war beendet. Der Arm war wieder schmerzfrei und die Göttin entfernte den Zauberverband. Sie würde den Arm jedoch weiterhin schonen müssen. Sie musste sich für Alles etwas mehr Zeit nehmen. Sie musste in Zukunft darauf achten die vorgeschriebenen Pausen einzuhalten. Zaubern war kein Zuckerschlecken. Zaubern erforderte viel Umsicht, Geduld und Konzentration.

Mit Hau-Ruck-Ruck-Zuck-Methoden ging das nun mal nicht. Simsalabim stand immer als letzter Spruch auf der langen Liste. Zuvor galt es, die aufwendigen und mühsamen Vorbereitungs- und Reinigungsrituale durchzuführen.

Und der Samstagvormittag eignete sich dazu immer schon hervorragend. Auf den magischen Samstag folgten die magischen 7 Tage.

Der Sonntag war der allgemeine Ruhetag. Montags war Feiertag. Dienstags wurde vorbereitet. Mittwochs wurde umgesetzt. Donnerstag wurde gezaubert und Freitags wurde aufgeräumt. Nun, und Samstags wurde wieder gereinigt. Dann begann die zweite magische Runde und der schwarze Zauberstein, der rollte.

Monalisa war zufrieden.

Der Schnellstart hatte zwar ihren Arm verletzt, aber das Ergebnis war in Ordnung. Darauf konnte sie aufbauen. Der Raum war leer und um einiges größer geworden. Die Decke musste jedoch noch weg. Sie wollte eine Kuppel aus Glas. Sie wollte an ihrem zukünftigen Arbeitsplatz die Sterne und die Sonne gleichzeitig sehen können.

Dafür würde sie Michelangelo brauchen. Er war ein Profi. Ein absoluter Könner auf diesem Gebiet. Erst hatte sie an Leonardo gedacht, aber ihn wollte sie schon um einen anderen gefallen bitten. Vielleicht sollte sie ihre Kollegen morgen zu einem Sonntagsfrühstück einladen. Dann könnte sie ihnen in aller Ruhe ihre Pläne erläutern. Denn die Göttin musste natürlich schon genau sagen, was sie wollte, wenn Mann IHR helfen sollte.

Monalisa hatte ein Bad genommen und ihr Bett frisch bezogen. Mirage hatte gestern Nacht so traurig ausgesehen, das sie ihn zu sich ins Bett genommen hatte. Eng aneinandergekuschelt waren sie Arm in Arm eingeschlafen. Mirage litt. Er hatte sich den Magen verdorben. Auch er brauchte etwas mehr Ruhe. Er atmete schwer und Monalisa streichelte ihn. Für einen Hund war das Leben auch nicht immer leicht.

Monalisa schreckte aus dem Schlaf auf und rief mit gepresster Stimme:

Du bist gemein! Oh … es war zum Glück nur ein Traum. Phu, die Göttin ließ sich in die Kissen zurück fallen. Was für ein unangenehmer Traum. Wie gemein. Wie unglaublich gemein … und sie schlief schnell wieder ein.

Wo kommt nur die Gemeinheit her?

Was macht die Gemeinsamkeit nur so schwer?

Warum konnten sie nicht Geschwister sein?

Wo war die Quelle, wo der Keim?

Neid und Eifersucht,

was für eine gehässige Frucht.

Lug und Trug,

fraßen an der Seelen Lebensmut.

Zum Glück, die Göttin hat davon genug,

doch verhindert das leider nicht den gemeinen Spuck.

Denn, sie kommen in der Nacht herbei,

die gemeinen Geister aus dem All.

Wenn die Sonne ganz tief schläft,

und der Mond woanders steht.

Wenn die Dunkelheit am stärksten ist,

und das Licht am schwächsten ist.

Der Gote wehrt sich nicht.

Er tut ganz einfach seine Pflicht.

Das Urteil überlässt er dem Gericht,

und das kommt zur gleichen Sicht.

Gemeinheit ist verboten.

So jedenfalls sehen das die Goten.

Sie verachten solche Schoten,

und beschneiden solch gemeine Knoten.

Eine Klette kann schon mal lästig sein.

Doch wehe sie wird zum gemeinen Schwein.

Da macht der Gote kurzen Prozess,

und das Schwein wird schnell verhext.

Und darum der Übeltäter sich versteckt,

und schon ist er weggehext.

Doch in der Nacht da kommt er wieder,

und steckt Nadeln in die Glieder.

Der gemeine Keim wird richtig groß.

Die Schadenfreude sitzt auf seinem Schoß,

sie verspuckt dort Gift und Galle:

Diesmal gewinnt: Einer gegen alle.

Doch der Gemeine verrechnet sich.

So eine Gleichung gibt es nicht.

Als Narr sieht er den Abgrund nicht,

der eigene Hass verstellt die Sicht.

Und dies mal trägt die Luft ihn nicht.

Diesmal fällt der Gemeine durch das Licht.

Und es entschied das Göttergericht:

Gemeinheit hinterlässt spuren im Gesicht.


Die Freiheit

Die Freiheit der Wahl.

Monalisa schaute auf den Aal.

Salzig oder süß,

für ihn dies sehr entscheidend ist.

Die Bitterstoffe schmeckt er nicht,

und der Aal entscheidet sich:

Bittere Mandeln sind mein Leibgericht.

Kröten jedoch, die mag ich nicht.

Der Aal ist ein Wanderer zwischen den Welten,

das Meer und der Fluss sind seine Gefährten.

Ein Narr ist er jedoch trotzdem nicht,

drum springt er der Göttin auch nicht ins Gesicht.

Er sieht zwar ihr sonniges Gesicht,

doch zu ihr springen will er nicht.

Er weiß, sie brennt im heißen Licht,

in dem er schnell geräuchert ist.

Denn auch der Aal kennt einen Zaubertrick.

Den gemeinen Fisch bricht er das Genick.

Der Aal jedoch kennt den Trick,

wie er bleibt im Gleichgewicht.

Der Narr jedoch, den kennt er nicht,

der da durch das Wasser bricht.

Eh, was bist Du für ein Kerl?

Wo kommst Du denn plötzlich her?

Oh, wie gut, das hier überall Wasser ist.

Warum ich gefallen? Ich weiß es nicht.

Ich sah der Göttin ins Gesicht.

Doch auf einmal erblindete ich.

Ich stolperte über einen kleinen Stein,

er könnte wohl der Übeltäter sein.

Der Stein wurde auf einmal ziemlich groß,

und dann gab mir etwas einen Stoß.

Ach, das ist ja interessant.

Dann kommst Du aus dem Sonnenland?

Nun, ich war auf dem Weg dorthin,

doch nun schmerzt mein ganzes Kinn.

Vielleicht hat SIE Dir drauf geboxt?

Ich habe gehört, SIE ist geschockt.

Einer Ihrer Narren verdient den Stock,

er schaute ihr wohl unter den Rock.

So etwas würde ich doch nie tun!

Da würde ich sofort die Reißleine ziehen.

Ich habe ihr nur meine Meinung gesagt.

Was kann ich dafür, wenn sie die nicht mag?

Was hast Du denn zu IHR gesagt?

Na, das ich Ihre Sachen nicht mehr trag.

Und was hat SIE darauf gesagt?

Nun, das sie mich dann auch nicht mehr tragen mag.

Ich finde, Du hast noch mal Glück gehabt.

Du fielst in Wasser, das Dich gerettet hat.

Werde zur Schlange oder zum Aal,

hier im Wasser hast Du die Wahl.

Weder die Schlange noch der Aal interessieren mich,

ich bin ein Narr, ich verbiege mich nicht.

Dann löse Dich auf oder gehe unter,

von mir aus, warte auch auf ein Wunder.

Der Aal wand sich verärgert im Licht.

So einen Blödmann ertrage ich nicht.

Er gab dem Narr einen leichten Schubs,

der daraufhin lauthals losgetobt.

Der Aal jedoch hörte nicht mehr hin.

Für ihn hatte dieser Typ zuwenig Hirn.

Er nahm ein Bad und sammelte sich.

Dann sah er der Göttin direkt ins Gesicht.

Und salzig oder süß, das interessierte ihn nicht mehr.

Er wollte auf die Erde, heraus aus dem Meer.

Zu Anfang fiel ihm das Gehen noch schwer,

doch schon bald glitt er darüber, wie ein Aal durch das Meer.

3. Oktober 2005: Monalisa zaubert sich einen Höllenkaffee.

Woher kam nur dieser Hass?

Wem machte so etwas nur Spaß?

Wer nahm da dieses Zwillingsmaß?

Und, vor allen Dingen, was steckte in dem Fass?

Die Göttin war schockiert.

Hatten die Kerle denn nichts kapiert?

Es war doch klar, wer hier verliert.

Alle würden am Ende noch skalpiert.

Die Göttin schüttelt mit dem Kopf.

Was sind die Typen doch bekloppt.

Wo war nur ihr Verstand geblieben?

Wollten sie in Zukunft das Wasser vielleicht schieben?

Soviel Dummheit war zuviel.

Der Narr dadurch ins Wasser fiel.

Zaubern ist kein Kinderspiel.

Eine Schlange ist kein Besenstiel.


Die Göttin hatte lange geschlafen. Was hatte sie nur alles geträumt? Sie rieb sich die Augen. Sand und Tränen. Erde, Wasser und Salz. Ein neuer Stern war geboren. Aus Licht war über Nacht Materie geworden.

Sie fühlte sich erschöpft. Die Träume legten sich auf ihr Gemüt. Was hatte sie nur alles gesehen? Sie hatte Kundera entdeckt. Sie steckte in einem Rohrstück fest. Sie würde noch etwas fasten müssen. Dummerweise verhinderte sie dadurch den reibungslosen Abfluss. Allerdings betraf dies nur den vorderen Teil des Gebäudes und einen Teil des Tempels.

Sie würde die Bruderschaft der Schlange davon zunächst noch nicht in Kenntnis setzen. Vielleicht würde Kundera sich ja selbst befreien können. Und Fasten war in diesem Fall das aller Beste.

Und dann hatte Monalisa Prinzessin Pompadur gesehen. Sie stapfte in Hosen und einem dicken Pullover durch die engen Gassen einer alten Stadt und spuckte wie ein alternder Matrose gegen die Häuserecke, um die sie schnellen Schrittes bog. Hatte die Prinzessin die Göttin nicht gesehen? Kein Grus, kein Zeichen des Erkennen, kein freundliches Wort? Monalisa war überrascht. Und wieder auch nicht. Der Hass war verschüttet worden, da bekam jeder etwas von ab. Auch die Prinzessin. Und auch die Göttin.

Regen. Regen würde vielleicht helfen.

Mutter Natur war nicht nur großzügig im Geben.

Sie konnte auch eine ganze Menge auf sich nehmen.

Die Göttin schaute aus dem Fenster: Viele Wolken, kein Regen. Das richtige Tief würde noch kommen. Und der Sturm, der es mit sich brachte, der würde gewaltig sein. Ein paar magische Runden vielleicht noch, aber dann würde das große Unwetter über sie alle hereinbrechen. Dann würde auch die Göttin sich warm anziehen müssen. Sie würde einen warme Jacke brauchen.

Und wo war Robinson? Sie hatte ihn über das große Sonnenmeer radeln sehen, und dann war er plötzlich verschwunden. Untergetaucht, sozusagen. Sollte der Narr etwa die Regeln nicht eingehalten haben?

Monalisa fuhr mit Mirage zum Meer hinaus. Das Wasser lag ruhig vor ihr. Es schwappte an den feinen Strand. Der Unrat der Hölle hatte sich abgesetzt. Sie konnte die Hinterlassenschaften auf dem Meeresgrunde liegen sehen. Schiffe, Container … Mauerreste, Menschenleben. Die Leichen unter ihnen verwandelten sich in hässliche und giftige Gasherde. Der Hass wurde mit Abfall ernährt.

Der Zwiespalt wird nicht dadurch überwunden, das man ihn aussitzt, dachte die Göttin und drehte sich wieder zu ihrer Insel um. Die Goteninsel würde den Sturm überleben. Das wusste sie. Aber das Rosa Schloss würde sicherlich Schaden nehmen. Und auch die gläserne Stadt. Einem großen Teil war durch den Abzug der Hölle schon die Basis entzogen worden. Einige Grundmauern waren unterspült, andere sogar weggebrochen. Und der nächste Sturm würde diese Türme aus Glas dem Erdboden gleich machen. Diese Stadt würde zusammenbrechen. Und auch wenn Viele in den Kellern Schutz finden würden, danach würde das Leben ein anderes sein. Monalisa wusste das.

Die Göttin fuhr zurück in ihren Palast. Sie öffnete die Tür, da entdeckte sie einen Zettel auf dem Boden. Sie hob ihn auf. Es war eine Nachricht vom General. Ritter Nuda Veritas. Na, das war ja mal eine schöne Überraschung. Er würde später, so hatte er geschrieben, noch einmal bei ihr vorbeischauen. Monalisa freute sich. Dieser Ritter war ihr ganz besonders ans Herz gewachsen. Er war ein echter Gotenfreund. Ein Mann mit viel Herz und viel Verstand. Seine ausführlichen Lage- und Quellenberichte waren für die Göttin immer schon von größtem Interesse gewesen. Aber zur Zeit waren diese Informationen für sie wichtiger denn je. Sie schaute in ihre Küche. Hm … sie würde ihm keinen Kuchen backen können. Aber wie sie den Ritter kannte, fastete der wahrscheinlich sowieso immer noch. Keine Kohlenhydrate. Dafür Fett und Eiweiß soviel der Mann wollte. Das war seine Devise, und er hatte auch durchaus Erfolg damit. Selbstbeschränkung und Disziplin verbrauchten seine angestaute Energie.

Der Ritter hatte tatsächlich eine der Hauptquellen des ganzen Übels entdeckt. Und jetzt war ihm schlecht. Richtig elend war ihm zu Mute. So eine Scheiße sieht auch so ein Mann nicht alle Tage. Und auch ein Ritter, dem nichts Menschliches mehr fremd geblieben war, würde am liebsten losheulen, wenn er sich die Sache so richtig durch den Kopf gehen ließ.

Was konnte ein Einzelner schon dagegen ausrichten?

Alle seine tollen Mitstreiter hatten sich verdrückt. Niemand wollte mit ihm da herunter gehen. Ihnen war die Sache zu haarig. Zu schwierig. Zu gefährlich. Sie hatten sich in ihre Zelte zurück gezogen und sich untereinander beraten. Bei so einer Sache hörte die Freundschaft zwar nicht auf, aber sich aufopfern für eine verlorene Sache? Das konnte keiner verlangen. Auch der General der Kaiserin nicht. Gerade der nicht. War er doch wie sie der Freiheit verpflichtet. Zwang gab es im Paradies nun mal nicht. Hier galt nun mal das Prinzip der Freiwilligkeit. Und die Entscheidung war gegen einen Durchbruch gefallen. Und dann waren seine Männer abgezogen. Sie hatten schließlich Frauen und Kinder. Fast alle hatten ein Haus, das sie vor dem großen Sturm schützen mussten.

Der General war frustriert und enttäuscht und Monalisa konnte ihn mit ihren Zukunftsplänen kaum erreichen. Sie erzählte ihm von dem Tempeltheater, der Saftbar und dem alten Lindenplatz, den sie wiederbeleben wollte. Der General schaute in ihre abgerissene Küche.

  • Ach Du lieber Himmel! Willst Du das dach etwa auch abreißen?

  • Ich dachte an eine Glaskuppel.

  • Na, Du hast Dir ja wirklich viel vorgenommen. Aber, mal ehrlich, Monalisa, was nützt der ganze Aufwand? Wen interessiert das noch? Der große Sturm wird alles mit sich reißen. Wer soll Deine Welt beleben, wenn auf der Erde keiner mehr nach oben schaut.

  • Wie meinst Du das?

  • Nun, hast Du es noch nicht gehört? Die Arschlöcher wollen die Religion in Kürze grundsätzlich verbieten. Sie argumentieren: Wenn alle an das Gleiche glauben, dann gibt es keinen Streit mehr, und dann herrscht endgültig Frieden in der Welt. Und das Volk da unten bricht darüber in Jubel aus. Ich könnte kotzen.

  • Die Religion verbieten? So etwas kann man doch gar nicht.

  • Doch, Monalisa, Arschlöcher können so etwas. Sie machen einfach. Und wer sich dagegen auflehnt, der kommt ins Gefängnis. Und was glaubst Du, wie schnell die Kirchen und Gebetshäuser leer sind.

  • Das wird sich der katholische Papst aber ganz bestimmt nicht gefallen lassen.

  • Wieso? Der ist doch der Erste, der sich verpisst. Wenn der Papst flieht, dann ist es soweit. Dann kommt der große Streit. Die Scheißprophezeiung erfüllt sich, und ich könnte kotzen. Wirklich.

  • Dann solltest Du es vielleicht einfach mal tun. Man muss nicht alles bei sich behalten. Kotz Dich frei. Das hilft. Und dann fasse Dich wieder. Es ist noch lange nicht alles vorbei. Ich habe den neuen Stöpsel schon fast fertig. Damit werde ich die Quelle verschließen. Und das mit der Religion, das nimm Dir nicht so zu Herzen, Nuda. Der Glaube an das Gute und Richtige ist nicht zu verbieten. Im Gegenteil, wenn diese Sesselpfurzer dieses Fass erst mal aufgemacht haben, dann werden sie sich ganz gewaltig wundern. Das hat schon mal Einer versucht. Echnaton, schon mal von ihm gehört? Na, dann weißt Du ja: Die große Gleichschaltung klappt nicht.

Monalisa saß mit dem General im Kaminzimmer.

Leider war der Schornstein noch nicht gereinigt, so dass sie kein Feuer anzünden konnten. Eine Kerze musste reichen. Sie bot ihm etwas zu trinken an, aber außer einem Glas Wasser wollte er nichts. Er fastete immer noch.

Sie erzählte ihm von ihrer letzten Reise und dem zauberhaften Theaterstück, welches sie dort gesehen hatte. Und das sie die Schauspieler zu sich in den Tempel einladen wollte, um mit ihnen das Stück dort aufzuführen.

  • Du mit Deinem Theater, Monalisa, wer soll es denn anschauen? Hier kommt doch keiner hin. Hocken alle hinter verschlossenen Türen und verstecken ihre letzten Kröten. Glauben alle, es allein zu schaffen.

  • So wie Du, Nuda. Du willst auch alles immer alleine machen.

  • Von wegen, weggelaufen sind sie. Haben sich verpisst. Haben mich im Stich gelassen.

  • Vielleicht wolltest Du etwas Unmögliches? Eine solche Quelle kann man nicht zu jeder Zeit gefahrlos betreten. Wir werden auf den richtigen Zeitpunkt warten müssen.

  • Warten, warten! Die Scheiße wird bald hochgehen. Da ist nicht mehr viel Zeit zum warten, Monalisa.

  • Wir werden pünktlich sein, Nuda. Auf die Minute. Ich verspreche es Dir. Lass die Quelle, Quelle sein. Wichtig ist der richtige Stöpsel.

  • Und Du hast ihn?

  • Ich habe ihn.

  • Hm. Und wann ist es Deiner Meinung nach, soweit?

  • Nach dem Sturm. Nach dem großen Sturm. Den müssen wir noch abwarten.

  • Warten. Immer nur warten! Ich kann bald nicht mehr. Ich habe es satt ständig gegen Windmühlen zukämpfen. Heiße ich etwa Donquichot?

  • Nun, Nuda, vielleicht solltest Du Deine Ahnenreihe noch mal gründlich untersuchen.

  • Jetzt höre aber auf! Ich bin ein Gote! Ein Vollblutgote.

  • Goten leben auch in Spanien, Nuda.

Sie sprachen bis tief in die Nacht. Dann verließ der verlassene General den alten Gotenpalast. Monalisa gab ihm das Manuskript für das Theaterstück mit. Zur Entspannung seiner angegriffenen Nerven und zur Wiederbelebung seines idealistischen Enthusiasmus.


4. Oktober 2005:

Danach setzte sie sich noch an ihren Schreibtisch, fuhr ihren Laptop hoch und warf einen Blick ins Internet. Nuda hatte Recht. Die Hölle hatten sich auf der Erde breit gemacht. Die Geschäftszentrale war eingerichtet. In wenigen Tagen sollte sie ihren Betrieb aufnehmen. Religionsverbot stand tatsächlich auf ihrer langen Liste. Die Eine-Welt-Regierung stand in den Startlöchern. Und die Bevölkerung hielt brav den Arsch hin. Und Monalisa musste sich beherrschen nicht in Selbstmitleid zu verfallen. Ihren Arsch würden sie nicht bekommen. Da war sie sich ganz sicher. Sie würde den Giftköchen die Suppe ordentlich versalzen.

Sie ging an ihren Arzneischrank. Es standen nicht viele Medikamente drin. Aber das Fläschchen von Gottvater und auch das Antizeckenmittel hatte sie noch. Sie suchte jedoch ein anderes Mittel. Der Flaschengeist, wo war er? Die Flasche war leer. Monalisa stutze. Wohin hatte sich dieser alte Gotengeist nur verdrückt?

Die Göttin nahm die Flasche mit an ihren Schreibtisch. Der mit Wachs versiegelte Verschluss war weggeschmolzen. Merkwürdig, dachte sie, so etwas passiert doch nicht von selbst. Irgend jemand war an ihrem Schrank gewesen. Sie schaute sich in ihrem Arbeitszimmer um. Mäuseköttel. Überall sah sie diese kleinen schwarzen Würstchen herum liegen.

Hm … hatte sie nicht eine Abmachung mit den Nagern getroffen? Was sollte der Scheiß? Sie ärgerte sich. Konnte man sich denn auf niemandes Wort mehr verlassen?

Dann legte sie sich ein paar Stunden aufs Ohr. Morgen war schließlich auch noch ein Tag. Sie träumte wieder sehr intensiv, konnte sich jedoch als sie erwachte nicht mehr erinnern. Nur eines wusste sie. Sie hatte offensichtlich auch in der Nacht hart gearbeitet. Ihre Knochen taten ihr weh und auch ihre rechte Hand schmerzte wieder. Sie legte sich den Zauberverband selber an. Das sah zwar nicht so schön aus, wie die Bindung von Äskula, aber es kam ja nicht allein auf die Schönheit an.

Überhaupt, die Schönheit, die Weisheit und die Fruchtbarkeit, wo waren diese starken Frauen geblieben. Wollten sie nicht auch auf die Goteninsel kommen? Monalisa schaute aus dem Fenster. Leichter Nebel lag über dem Garten, und die dichte Wolkendecke lies nicht einen Sonnenstrahl hindurch. Das erste Laub lag auf dem kurzgeschorenen Rasen.

Wo blieb nur Robinson. Sollte er wirklich abgesoffen sein? Schade, sie hatte wirklich gehofft, das der Schüler des großen Hermes dazu gelernt hatte. Schade. Na, dachte die Göttin, vielleicht taucht er ja wieder auf. Sie würde also erst mal ohne diesen Zauberlehrling weitermachen müssen.

Sie ging in die Schlossküche. Nuda hatte schon Recht, es sah wirklich aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Zaubern war wirklich kein Zuckerschlecken. Aber immerhin, die Ratten hatten mittlerweile immerhin schon mal die alten Schränke, die sie vor das Haus gezaubert hatte, abtransportiert.

Die Decke musste runter. Ob sie es ohne Hilfe schaffen würde? Sie schaute auf ihren rechten Arm. Nein, dachte sie, ich sollte ihn ohne Not nicht noch einmal überfordern.

Morgen war schließlich auch noch ein Tag.

Und Donnerstags zauberte es sich

sowieso viel leichter.

FORTSETZUNG folgt!