SATAN & MONALISA – 2. Buch

Zweites Buch

Satan, Monalisa und das Bombini-Projekt

"Er war ein ganz normaler Nachbar." Nachbericht zur "Reichsbürger-Schießerei" in Georgensgmünd

„Er war ein ganz normaler Nachbar…“

Teil 1 – Hilferufe

Wolfgang machte sich einen Tee und ließ das Spülwasser ein.

Es war Montagabend, sein erster Feierabend der Woche. Die Musik lief leise im Hintergrund, als diese durch das Telefongebimmel gestört wurde. Er dachte an Monica, vielleicht wollte sie sich ja wegen der Ohrfeige entschuldigen. Er nahm das Handy auf und meldete sich. Zu seiner Überraschung war es nicht seine verrückte Freundin. Es war Barbara. Was wollte diese Frau denn nur zu dieser Zeit von ihm?

Wolfgang, ich rufe wegen Monica an. Ihre Nachbarin hat mich gerade angerufen. Sie macht sich Sorgen, weil sie seit heute morgen nicht mehr nach Hause gekommen ist.“ Jetzt war es kurz nach 22 Uhr, nicht unbedingt zu spät für eine erwachsene Frau von über 40 Jahren. Aber er machte sich ebenfalls sogleich Sorgen. Lag sie jetzt womöglich unter irgendeiner Brücke und traute sich nicht nach Hause?

Barbara schlug vor, die Polizei zu benachrichtigen, aber am Ende des Gespräches kamen sie überein vielleicht doch noch etwas zu warten.

Wolfgang wendete sich wieder seinem Spül zu.

Wo mochte sie sich nur herumtreiben? Er kannte das Gefühl sehr gut, nicht mehr nach Hause gehen zu können, weil man dort alles Mögliche befürchtete. Es war zwar schon einige Jahre her, aber er erinnerte sich noch gut daran. Er hatte in Hauseingängen und unter irgenwelchen Tannen geschlafen, im Regen und ohne ein paar Socken an den Füßen. Jetzt war es zum Glück Sommer, Monica würde sich also nicht gleich den Tod holen. Allerdings als Frau so allein, da konnte natürlich immer etwas Schlimmes passieren. Gleich morgen würde er bei ihr vorbeischauen, und vielleicht erklärte sich ihre Abwesenheit ja dann auch ganz einfach. Vielleicht war sie ja bei irgendeinem Freund. So beruhigte er sich und schaffte es sogar relativ zeitig einzuschlafen, denn er musste am nächsten Tag früh raus.

Um 2 Uhr nachts ging wieder sein Telefon. Völlig schlaftrunken drückte er auf den Empfangsknopf. Es war die Polizei. Diese teilet ihm mit, dass seine Freundin im Alexianer Krankenhaus sei, er, der Anrufer, jedoch leider nicht mehr dazu sagen könne, der Vorfall hätte nicht in seiner Schicht gelegen. Aber man wollte ihn, den Freund, bitten zur Wohnung seiner Freundin zu gehen, um dort die Fenster und Türen zu schließen. Man habe gehört, dort stünde alles sperangelweit offen.

Wolfgang zog sich also was über und machte sich auf den Weg. Es war nicht weit, es trennte sie nur zwei Straßenecken. Monica war also endlich in einem Krankenhaus gelandet, dachte er. So etwas war ihm zum Glück erspart geblieben, er hatte sich selbst aus den Fängen der Psychose retten können, aber er wußte, dies gelang nicht jedem. Manchmal war das Krankenhaus tatsächlich der einzige Ausweg.

Vor ihrem Haus angekommen wunderte er sich ein bisschen. Von sperangelweit aufgesperrt konnte bei näherer Betrachtung keine Rede sein. Die Haustür war abgeschlossen, in der ersten Etage waren nur zwei Fenster auf. Er schaute sich in der Wohnung um. Die Küche sah deprimierend aus und er fühlte sich schlecht. Dieses Projekt war ganz offensichtlich gescheitert. Auch an ihm. Er hatte ihr zwar helfen wollen, doch es war ihm nicht möglich gewesen mit ihr zusammenzuarbeiten. Monica war schlicht beratungsresistent.

Er zog die Tür hinter sich zu und machte sich wieder auf den Weg nach Hause. Er würde sie tagsüber versuchen anzurufen. Jetzt aber musste er dringend ins Bett, denn schon um 5 Uhr klingelte sein Wecker in heraus.

In seiner Mittagspause musste er sich telefonisch erst einmal durchfragen, aber letztendlich hatte er sie tatsächlich am Apparat. Sie klang etwas erschöpft, aber es schien ihr gut zu gehen. Nach der Arbeit wolle er bei ihr vorbei kommen, verspach er. Und er dachte: Jetzt wird bestimmt alles besser werden. Dann beugte er sich wieder über seine Kabel.

Kurz nach 17 Uhr drückte er auf den Klingelknopf der geschlossenen Station des Alexianer Krankenhauses. Ein Pfleger öffnete ihm. Er fragte nach Frau Kraemer und wurde zu einem Zimmer geführt, in das er auch gleich eintrat. Monica saß auf dem Bett und schaute in ihren Laptop, der auf dem Beistelltischchen stand. Offensichtlich hatte man ihr dieses Gerät gelassen. Monica schaute auf und lächelte ihn an. „Schön das Du gekommen bist. Warte, ich ziehe mir nur die Schluppen über, hast Du Tabak dabei? Dann können wir eine Zigarette rauchen gehen.“

Das Raucherzimmer war total verraucht. Ein Fernseher lief und mehrere Patienten saßen auf Stühlen und rauchten eine nach der anderen. Wolfgang setzte sich neben sie. Er fragte sie: „Was ist geschehen, wieso bist Du hier?“

Ich war bei der Polizei, ich konnte es einfach nicht mehr aushalten. Hier bin ich sicherer. Hier kommt so schnell keiner herein. Und zum Glück, ich habe meinen Laptop dabei, so kann ich weitersenden. Mir geht es gut, wirklich.“

Wolfgang schaute sie sich etwas genauer an. Sie war ziemlich dünn. Ihr Gesicht war etwas eingefallen, sie sah sehr verletzlich aus. Aber sie schien ganz zufrieden zu sein, und dass sie nun auf einer geschlossenen Station festsaß, dass schien sie nicht sonderlich zu stören. Im Gegenteil. Das man ihr den Laptop ließ, nun ja, er sah das Gerät mittlerweile sehr kritisch. Er hätte es ihr nie kaufen sollen. Irgendwie klebte sie an diesem Ding und faselte ständig was vom Senden. Das ging nun schon monatelang so.

Er versprach morgen am Nachmittag wieder zu kommen, als er sich nach gut einer Stunde von ihr verabschiedete. Sie gab ihm einen Kuss und er küsste sie zurück. Sie war jetzt in Obhut und er hoffte wirklich sehr, dass man ihr dort würde helfen können.

Zuhause angekommen machte er sich auf den Weg in ihre Wohnung, er wollte ihr ein paar Sachen zum Anziehen einpacken. Außerdem suchte er ihre Telefonliste. Er wollte ein paar ihrer Freunde anrufen, denn jetzt brauchte Monica Zuspruch und Anteilnahme, damit sie endlich den Weg zurück in die Realität fand.

Er telefonierte auch mit Barbara und machte ein Treffen mit ihr und Leonie aus. Beide wollten sie mit ihm über Monica sprechen und überlegen, was man jetzt, wo die Dinge sich auf diese Weise entwickelten, für sie machen könne.

Er rief alle Freunde, die er auf der Liste fand an. Aber die Reaktionen waren durchweg ziemlich enttäuschend. Man erklärte zwar Anteilnahme, aber die wenigsten mochten versprechen sich stärker zu engagieren. Alle hatten sie ihre eigenen Probleme. Nur Brigitte, eine alte Jugendfreundin schien wirklich sehr betroffen und versprach sobald als möglich in der Klinik vorbeizufahren, sie sei jetzt jedoch gerade auf einer Geschäftsreise.

Er rief auch Monicas Mutter an. Erleichtert stellte er fest, dass sie schon informiert, und sogar schon im Krankenhaus gewesen war. Dennoch ärgerte er sich über diese Frau. Sie sprach doch sogar jetzt, wo es doch wirklich um Monica gehen sollte, nur über ihre eigenen Probleme. Sie erklärte, dass ihre Tochter nun sicherlich in guten Händen sei und sie ihre eigenen großen Sorgen hätte. Sie könne und wolle sich jetzt einfach nicht stärker in dieser Angelegenheit engagieren.

Da meldete sich sein innenliegender Satan zu Wort: „Was sind Sie nur für eine eigensüchtige, egoistische Mutter! Jetzt braucht ihre Tochter ihre Unterstützung! Wir sollten uns absprechen und dafür sorgen, dass Sie sich aufgefangen und geliebt fühlt. Sie jedoch denken immer nur an sich selbst! Sie sollten sich was schämen, meine Mutter würde garantiert mehr Liebe zeigen als Sie das tun!“

Monicas Mutter fühlte sich daraufhin total angegriffen

und so endete das Gespräch sehr unschön. Wolfgang

ärgerte sich wirklich sehr über diese Frau.

Er erinnerte sich an die Zeit um den Auszug des Sohnes. Was war das nur für eine Familie? Dort dachte wirklich jeder nur an sich selbst. Seine eigene Mutter und auch sein Vater waren da ganz anders. In ihrer Familie liebte und respektierte man sich gegenseitig. Man half, wenn es nötig war und auch sonst nahm man Anteil ohne dabei allzu aufdringlich zu sein. Monicas Mutter jedoch hatte immer nur ihren Egon und ihre gescheiterte Ehe im Kopf. Und natürlich Felix, den Enkelsohn. Der bekam seiner Meinung nach einfach viel zuviel Aufmerksamkeit. Dem Jungen gehörte eigentlich total der Kopf gewaschen, der zeigte wirklich null Verantwortungsgefühl und Respekt. Er hatte ihn sich ganz zu Anfang mal zur Brust genommen. Aber der Junge hatte nur den leeren Kühlschrank im Kopf. Er beklagte sich darüber, dass er wegen des Bombinis auf alles mögliche hätte verzichten müssen. Dabei hatte Wolfgang auf dem Speicher seine Hinterlassenschaften studieren können, und er wußte, dieser Junge hatte auf gar nichts verzichten müssen, der hatte im Gegenteil fast alles doppelt und dreifach gehabt und dies in Edelausführung. Der Speicher und der Keller waren voll davon.

Er zog sich seine Jacke über und ging die Straße hoch, um sich mit Barbara und Leonie zu treffen. Es war schon nach 19 Uhr, er war spät dran. Er hoffte sehr, dass die beiden Frauen sich als gute Freundinnenn erwiesen. Er konnte nun wirklich jede Unterstützung gebrauchen.

Barbara und Leonie waren auch ganz Ohr, als er ihnen von seinem Besuch im Krankenhaus berichtete und beide versprachen, ebenfalls regelmäßig dort vorbeizufahren, auch ihnen war klar, jetzt musste Monica endlich geholfen werden. Sie erzählten ihm von dem Nachmittag, als sie mit Monica Tee getrunken hatten. Schon damals sei ihnen klar gewesen, dass mit ihr etwas nicht stimmte, aber sie hätten einfach nicht gewußt, was sie auf all die merkwürdigen Dinge sagen sollten, die Monica ihnen völlig aufgelöst unterbreitet hatte.

Barbara vermutete, dass Monica unter Umständen niemals mehr herunter kommen würde von dem Trip, auf dem sie offensichtlich war. Sie meinte sogar, dass sie vielleicht nicht mehr in ihre Wohnung zurück könne, ja, dass am Ende womöglich nur noch betreutes Wohnen in Frage kam. Sie erinnerte sich an ihre eigene Mutter, auch die hatte mit großen psychischen Problemen zu kämpfen gehabt, sie wisse daher, in vielen Fällen war ein normales Leben einfach nicht drin, die Leute hätten immer wieder schlimme Rückfällle zu durchleben.

Wolfgang fand das Ganze ziemlich ünbertrieben, aber was die Einstellung zur Mutter von Monica anging, da waren sie sich schnell einig. Diese Frau war ein Totalausfall.

Zum Schluss verabredeten sie sich für Freitag Nachmittag im Krankenhaus. Sie wollten Monica unbedingt ihrer Freundschaft versichern und Wolfgang sollte auf diese Weise etwas entlastet werden.

Ihm war klar, das Ganze konnte Wochen dauern, denn so schnell würden

die Ärtzte sie sicherlich nicht aus dem Krankenhaus entlassen.

Der Terrorist

Ich saß in einer Reihe mit anderen Patienten auf einem Stuhl

im Gang und wartete, wie die anderen, auf meinen

Gesprächstermin mit dem Ärzteteam.

Ich wußte nicht so Recht, was in diesem Gespräch von mir erwartet wurde, vielleicht würde ich ja auch wieder nach Hause geschickt. Spätestens in ein paar Tagen oder so. Schließlich war ich nicht krank. Jedenfalls nicht so wie einige andere Gestalten, die ich bisher auf der Station beobachten und kennenlernen konnte.

Die Pfleger waren sehr nett zu mir und ich hatte auch alle Tabletten geschluckt, die ich vorgesetzt bekommen hatte. Ich hatte duschen können, das Essen war ganz in Ordnung gewesen und auch sonst fühlte ich mich eigentlich sehr gut. Nur, was ich den Ärzten sagen sollte, das war mir nicht recht klar. Von meinem Opa wollte ich jedenfalls nicht wieder anfangen. Irgendwie stempelte man mich damit direkt als plemmplemm ab. Ich dachte noch darüber nach, wie ich mich und mein Verhalten auf der Polizeiwache erklären konnte, da wurde ich auch schon hereingerufen.

In einem relativ kleinen Raum saßen mehrere Personen um einen niedrigen Tisch auf bequemen Armlehnstühlen. Man stellte sich vor und sprach mich freundlich an. Ich wurde aufgefordert zu meinem Besuch bei der Polizei etwas zu sagen, da man verstehen wolle, was mich dort so aufgeregt hatte.

Mein Kopf glühte.

Was sollte ich diesen Leuten erzählen?

Wie sollte ich mich und meine Situation beschreiben? Ich wußte doch auch nicht mehr, was alles vorgefallen war. Mein Gehirn streikte immer noch bei den meisten Erinnerungen. Sie tauchten zwar spontan auf, aber sie verschwanden auch genauso schnell wieder in den Schneebergen meines Gehirns. Eine Begebenheit jedoch prangte plötzlich ganz deutlich vor meinem geistigen Auge und so erzählte ich von dem Terroristen, der sich in meine Wohnung gebeamt hatte. Ich hatte den Vorfall fast völlig vergessen. Es war irgendwann im Spätherbst geschehen. Ich saß wie schon so oft vor meinem Laptop und arbeitete an meiner Internetseite. Plötzlich saß ein Mann neben mir. Er hatte dunkle Haare, war schlank und trug einen schwarzen Anzug. Er schaute mit mir auf den Bildschirm und sagte: „Wenn Du es nicht endlich schaffst nach Amerika zu fliegen, um dort Dein Bombini vorzustellen, dann werden viele Menschen sterben müssen. Wir haben keine Geduld mehr, der Attentäter ist schon unterwegs.“ „Ja, aber wie soll ich denn nach Amerika kommen, ich bin seit Jahren Hartzianerin, ich kann mir das Ticket für den Flug niemals leisten.“

Das interessiert uns nicht,

mach endlich voran, sonst wird es böse enden.“

Der Mann sah eigentlich nicht so beängstigend aus, dennoch blieb ich ziemlich eingeschüchtert zurück, als der Typ sich plötzlich wieder in Luft auflöste.

Einen Tag später, das Ereignis war noch relativ frisch, schaltete ich wie immer den Laptop ein und schaute durch das Fernsehprogramm. Es liefen die Nachrichten und der Sprecher berichtete gerade von einem schweren Attentat in den USA, 33 Menschen sollten dabei zu Tode gekommen sein. Und ich erstarrte! Das konnte doch nicht wahr sein! Der Typ hatte ihr ja wirklich überhaupt keine reelle Chance gegeben! Was für ein ungeheurerliches Verbrechen, und das alles wegen ihrem Bombini! Doch eine Stimme in mir sagte gleich darauf: „Du hattest keine echte Chance, dieses Unglück brauchst Du nicht auf Deine Kappe zu nehmen.“ Und so vergaß ich eben auch dieses Erlebnis und den Typen. Bis jetzt in diesem Ärztezimmer. Und so sagte ich, Alkeidaterroristen hätten meinen Laptop und die Wohnung verwanzt, sie hätten sogar wegen ihr ein schweres Attentat durchgeführt.

Für die Ärzte war damit klar: „Sie leiden an einer Psychose. Haben Sie in letzter Zeit vielleicht Drogen zu sich genommen?“ Ich gab zu gekifft zu haben. Und so kam es dann zur Diagnose: drogeninduzierte schwere Psychose. Vorläufiger Aufenthalt auf der Geschlossenen mindestens die nächsten 6 Wochen. Die sogenannte PsychKG, die, wie ich später erfuhr, viele aufgebrummt bekamen, wenn sie durch die Polizei eingewiesen worden waren.

6 Wochen. Das war eine lange Zeit.

Aber ich nahm es gelassen auf. So brauchte ich mich schließlich auch nicht mehr darum zu kümmern, wie ich mit 3 Euro in der Tasche durch den Monat kommen sollte. Hier gab es alles was ich zum Leben brauchte. Essen, Trinken, eine Dusche, ein Bett und vor allen Dingen mein Laptop. Ich durfte ihn von 10 Uhr bis 20 Uhr auf meinem Zimmer behalten, nachts muste ich ihn jedoch bei den Pflegern abgeben. Damit konnte ich klar kommen. Das reichte um weiter an meinem filmischen Tagebuch zu arbeiten. Denn, schließlich, mein einsamer Agent, der wartete auf meine Botschaften, auf meine genialen Schnibbelfilme. Mittlerweile war nämlich sicherlich auch ihm klar, die Schnibbelfilme waren durchaus interessant und dazu noch sehr unterhaltsam. Nicht alle Observationen via Computer verliefen sicherlich so spannend und abwechslungsreich für die Schnüffler, dachte ich.

Meine Bettnachbarin hieß Claudia. Sie schlief viel. Ab und an kam ein Pfleger herein, schaute nach ihr, sprach sie an und stellte die Bindungen etwas anders ein, so daß die Patientin sich etwas bequemer hinlegen konnte.

Auch zu mir sprach er mit netten Worten, aber da ich friedlich in meinem Bett vor meinem Laptop saß, wurde ich eigentlich ziemlich in Ruhe gelassen, so dass ich meiner Arbeit nachgehen konnte. Ab und zu stand ich auf um eine Zigarette zu rauchen. In dem kleinen Raucherzimmer war eigentlich immer etwas los. Auch hier waren alle freundlich und durchaus gesprächsbereit.

Vom Fenster des Raucherzimmers aus konnte man auf den Besucherparkplatz des Krankenhauses schauen. Ich stellte mich daher öfters direkt ans Fenster und kontrollierte die Autos, denn ich hielt es für möglich, dass die auf mich angesetzten Agenten vielleicht in ihrem Auto dort unten saßen und versuchten, über was für eine Technik auch immer, mich weiterhin auszuhorchen. Doch hielt ich dies für ziemlich aussichtslos. Dieses Krankenhaus war ein Bollwerk gegen solche Machenschaften. Hier stand ich unter absoluter Kontrolle und die Kameras im Zimmer zeigten den Pflegern sofort, wenn etwas nicht stimmte. Ich fühlte mich wirklich geborgen und umsorgt. Regelmäßig wurden die Tabletten ausgegeben und ich schluckte sie anstandslos herunter, denn im Grunde merkte ich nichts von ihrer Wirkung. Vielleicht war ich etwas müder als normal, aber das war schon alles.

Wolfgang kam jeden Tag nach der Arbeit vorbei. Er setzte sich mit mir ins Raucherzimmer und unterhielt sich nicht nur mit mir, sondern auch mit dem einen oder anderen Mitpatienten. Er schien keine Berührungsängste mit ihnen zu haben, und dies vermerkte ich als besonders liebenswert.

Doch am Freitag sollte es ganz anders laufen. Barbara und Leonie waren gekommen und auch meine Mutter war da. Man hatte mir Geschenke mitgebracht, eine coole Hose und ein schönes T-Shirt gab es zum Beispiel von Barbara. Süßigkeiten und Tabak von meiner Mutter. Wir saßen im Aufenthaltsraum, von diesem gingen einige Zimmer ab und die Pfleger überblickten diesen großen Raum von ihrem verglasten Kabuff aus. Zwei Mitpatientinnen waren ebenfalls zugegen. Ich hatte mich mit ihnen etwas angefreundet. Die Stimmung war eigentlich positiv, doch plötzlich wurde ich total wütend auf Wolfgang. Ich beschimpfte ihn vor den Frauen. Ich wurde laut und forderte ihn auf zu gehen, was er auch ohne weitere Worte dann tat. Mein Besuch war etwas überrascht, ja peinlich berührt und es dauerte auch nicht lange, da machten auch sie sich auf den Heimweg.

Die Sicht der Dinge

Wolfgang betrat seine kleine Wohnung.

Zwei Zimmer mit Kochniesche und einem weiß gefließten Duschbad. Dies war sein Reich. Besuch ließ er nur sehr ungern ein. Eine Ausnahme hatte er allerdings bei Monica gemacht. Sie war gerade zu Beginn ihrer Bekanntschaft sehr oft vorbeigekommen. Meistens saß sie auf seinem Bett und hielt kleinere Vorträge über Gott und die Welt. Doch sie konnte auch zuhören. Er hatte schnell gemerkt, man konnte sich mit ihr wirklich gut unterhalten. Sie war nicht dumm. Sie war Monalisa in Reinkultur, und das hieß: Sie war kreativ, unterhaltsam, liebenswürdig und eben auch sehr engagiert. Zumindest solange es ihr Bombini betraf.

Jetzt jedoch würde Monica ihren göttlichen Avatar aufgeben müssen.

Sie würde sich auf sich selbst rückbesinnen müssen. Sie würde endgültig von ihrem Monalisa-Tripp herunter kommen müssen. Den Auftritt von vorhin, als sie ihn vor allen Leuten beschimpft hatte, diesen Auftritt nahm er ihr daher nicht wirklich übel. Er wußte, sie war jetzt einfach zu frustriert um freundlich zu ihm zu sein. Schließlich hielt sie ihn für den eigentlichen Übeltäter. Er war ihr Mörder, ihr Gefängniswärter, ihr Satan.

Er hatte mit der Stationsärztin gesprochen. Diese hatte ihn gefragt,

ob auch er von ihren aggressiven Ausbrüchen wüßte.

Welche Frage, natürlich wußte er davon.

Wie schwierig war es gewesen, mit ihr einmal die Woche nach Holland zu fahren. Es war jedesmal ein absoluter Balanceakt. Ihre Stimmung kippte ohne Vorwarnung von traurig und zurückgezogen zu agressiv bis hysterisch. Er war jedesmal heilfroh, wenn er sie wieder zu Hause absetzte und sie nicht die Autotür zuknallte und ihn verwünschte. Manchmal vergrub sie sich jedoch auch auf ihrem Sitz und er konnte sehen, dass ihr die Tränen die Wange herunter liefen. Doch was konnte er für sie tun? Nicht selten hatte er überlegt, sie einfach in ein Krankenhaus zu fahren, doch dann hatte er wieder Abstand davon genommen. Denn, so vermutete er, sie würde ihm einen solchen Vorstoß wahrscheinlich nicht verzeihen können. Er hätte es damals, als er in einer ähnlichen Situation gewesen war, auch nicht verziehen, wenn man ihn gegen seinen Willen in die Klapse gesteckt hätte. Sie fühlte sich schließlich nicht krank sondern nur bewustseinserweitert. Sie glaubte die Welt erkannt zu haben, wie sie wirklich ist. Und alle anderen waren blind und taub gegenüber dieser Wahrheit. Nein, sie musste von selbst erkennen, dass sie auf einem Holzweg war. Allerdings war er immer noch gerne bereit ihr dabei zu helfen.

Leonie und Barbara waren es allerdings wohl doch nicht. Er hatte mit den Frauen telefoniert und sie erklärten ihm, dass ihnen das Ganze zuviel sei. Die Atmosphäre im Krankenhaus würde ihnen aufs Gemüt schlagen. Nun gut, dann musste es eben ohne die Beiden gehen.

Am Samstag fuhr er also wieder in die Klinik und siehe da, Monica war freundlich zu ihm und durchaus vernünftig ansprechbar. Sie durften daher die Station für ein Stündchen verlassen um im Krankenhausgarten spazieren zu gehen.

Sie setzten sich auf eine Bank und rauchten eine Zigarette. Er versuchte ihr von sich und seinen Erfahrungen zu erzählen, aber sie glaubte ihm nicht. Sie konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, dass er das selbe wie sie durchgemacht haben sollte. Ihre Erlebnisse waren ihrer Meinung nach einzigartig und sie meinte: Wenn Du das Selbe erlebt hättest wie ich, dann verstehe ich nicht, wie Du mich mit diesen Verbrechern hattest allein lassen können. Und schließlich, hat Dir vielleicht jemand das Gehirn gelöscht? Nein, so etwas Schlimmes wie ich erlebt habe, so etwas hast Du bestimmt nicht mitmachen müssen.

Er versuchte ihr zu erklären, dass sie sich das Ganze im Grunde selbst ausgedacht habe, all die telepathischen Gespräche seien ein Werk ihres Geistes gewesen und hätten daher nicht wirklich stattgefunden. Aber für solche Erkenntnisse war es, wie er erkennen musste, noch viel zu früh.

Wieder zu Hause machte er sich doch leise Vorwürfe. Hätte er sie vor all dem bewahren können, hätte er vielleicht doch etwas anders machen können? Er hatte auf ihre vorsichtigen Versuche bestimmte für sie wichtige Themen anzusprechen im Grunde immer nur abstreitend reagiert. Er hatte ihr gesagt: Dies ist alles nur Deine Einbildung, nichts von all dem was Du glaubst zu erkennen ist wahr.

Doch was hätte es genutzt, wenn er mehr auf sie eingegangen wäre?

Womöglich hätte es sie nur noch mehr bestärkt in ihrem Wahn.

Stationsleben

Die ersten drei Wochen auf der Station vergingen wie im Fluge.

Tagsüber saß ich vor meinem Laptop, abends ging ich früh zu Bett. Ich fühlte mich eigentlich sehr gut. Meine Zimmergenossin taute ebenfalls so langsam auf. Sie wurde auch nicht mehr ans Bett gebunden. Allerdings trugen ihre Arme immer noch einen Verband. Sie erzählte mir, dass sie sich mit Rasierklingen ritzen würde. Das taten offensichtlich einige auf der Station, denn ich hatte mehrere Patienten entdeckt, deren Arme entweder vernarbt oder verbunden waren.

Einmal die Woche gab es ein Gespräch mit dem Ärzteteam. Ich wußte nicht recht, was ich ihnen erzählen sollte, denn an meinen Erlebnissen hatten sie kein großes Interesse. Für sie waren die Dinge, die ich erlebt hatte nur ein Symtom meiner Erkrankung und die war vor allen Dingen eine Folge meines Drogenkonsums. Ich konnte mir allerdings unter dem Krankheitsbild Pychose überhaupt nichts vorstellen. Und was sollte ich unter Wahnvorstellungen verstehen?

Ich kannte nur einen, der angeblich an einer Psychose gelitten hatte und das war mein EX-Schwager Christoph, aber der hatte wirklich sehr absonderliche Dinge getan. Er trug zum Beispiel seine ganzen Anziehsachen auf einmal am Körper und füllte damit meine Badewanne. Dann ließ er Wasser ein und erklärte, er wolle die Wäsche einweichen. Unter seinen Klamotten waren mehrere dicke Pullover, ein Mantel und auch seine Schuhe hatte er mit dazugelegt. Außerdem trank er ununterbrochen Kaffee und rauchte eine nach der anderen. Meine Freundin Brigitte und ich, wir versuchten mehrere Tage lang mit diesem Verrückten klar zu kommen, denn er hatte sich bei uns einquartiert, vielmehr, wir hatten ihn aufgegabelt, als er sich gerade weigerte in eine Klinik zu gehen. Er lebte damals in einer betreuten Wohngemeinschaft. Sein Betreuer wollte ihn einweisen, doch Christoph weigerte sich und sah uns als rettende Möglichkeit das Unabweisliche noch etwas hinauszuziehen.

Er war sehr anstrengend und er bestimmte mit seinen verschiedenen Stimmungen unser Zusammensein. Er war sexuell total aufgeladen und wollte unbedingt mit Brigitte schlafen. Die war so gnädig, weil sie hoffte dies würde ihn herunterbringen von seiner großen inneren Anspannung. Aber es lief wohl nicht gut und irgendwann sahen wir ein, dass wir ihm beim besten Willen nicht helfen konnten. Christoph sah es nach einigem hin und her genauso und so fuhren wir ihn nach Grafenberg in die Krankenheilanstalt. Es war schon spät abends und wir wurden zur Notaufnahme geschickt. Dort nahm man sich seiner an. Allerdings nicht sogleich und sofort, was Christoph sehr aufregte. Er began Theater zu machen, bis er sich auf dem Boden wälzte und schrie. Das brachte die Pfleger dann endgültig dazu ihn uns abzunehmen. Er wurde weggeführt und wir hatten den Eindruck, dass dies wohl doch das Beste für ihn war. Ein paar Tage später besuchte ich ihn alleine. Er war sehr ruhig und in sich gekehrt. Er versuchte sich zu erklären, doch das einzige, was ich verstand, war, dass er Jesus war.

Ich dachte bei diesen Erinnerungen: So verrückt bin ich aber doch wirklich nicht. Ich verhielt mich in meinen Augen völlig normal. Und ich war meistens freundlich und entspannt. Zumindest versuchte ich emotionale Ausbrüche nicht wieder passieren zu lassen. Es ging mir einfach besser, ob dies an den Medikamenten lag oder daran, dass ich nicht mehr alleine war, wer konnte das schon sagen. Die Dosis der Medikamente wurde jedenfalls nach und nach herabgesetzt.

Nach der dritten Woche beendete ich mein filmisches Tagebuch und ich ließ den Laptop immer häufiger geschlossen. Ich hatte den Eindruck, dass der Fernseher nicht mehr mit mir sprach. Irgendwie war die Geschichte, die er mir erzählt hatte sang und klanglos zu Ende gegangen. Ich nahm stärker am Stationsleben teil und unterhielt mich mit meinen Leidensgenossen. Es lagen sehr unterschiedliche Gründe für ihren Aufenthalt vor. Die meisten waren in einer akuten Krisensituation von der Polizei oder von Angehörigen gebracht worden. Viele hatten wie ich die PsychKG verschrieben bekommen. Es wurde unglaublich viel gequalmt, während die Zeit von einer Mahlzeit zur nächsten im Raucherzimmer überbrückt wurde.

Im Aufenthaltsraum stand eine Tischtennisplatte und ab und an spielte auch jemand daran. Auch ich machte ein paar mal mit, aber ansonsten gab es auf der Station nicht viel zu tun. Es wurde mir auch eine Therapie angeboten. Dort wurde gemalt und ähnliches, aber ich wollte davon nichts wissen. Alles Kreative regte mich nur auf. Ich schaute oft fern, dafür konnte ich mich noch am ehesten begeistern, obwohl ich nicht viel verstand, von dem was dort gezeigt wurde. Mein Gehirn streikte immer noch gewaltig. Ich konnte mir einfach nichts merken und so vergaß ich den Anfang eines Filmes noch bevor dieser vorbei war. Es kam mir so vor, als könne ich nur noch in der absoluten Gegenwart denken und fühlen. Vergangenheit und Zukunft lagen gleicherweise in einem Nebel. Doch diese Probleme interessierten die Ärzte irgendwie überhaupt nicht. Für mich jedoch war dies das größte Problem. Wie sollte ich über mich nachdenken, wenn ich derartig behindert war. Auch zu meinem Blitz im Kopf sagte niemand etwas. Keiner klärte mich auf. Ich hatte den Eindruck, keiner verstand, was wirklich mein Problem war.

Ich wollte so langsam aber sicher wieder nach Hause, doch die 6 Wochen mussten abgesessen werden, und wenn die Ärzte es für richtig hielten, dann konnten sie diese Zeit auch noch auf 3 Monate oder mehr verlängern. Das wollte ich aber nun auf gar keinen Fall.

Ich wechselte gemeinsam mit Claudia das Zimmer. Es lag etwas weiter von den Pflegern entfernt und es hatte auch keine Kameras. Claudia nahm das Bett am Fenster. Ein Freund kam sie relativ regelmäßig besuchen. Er brachte ihr Süßigkeiten mit und er war wie ich fand offensichtlich ganz ernsthaft an Claudia interessiert. Wir unterhielten uns immer wieder einmal ein bisschen und obwohl sie viel jünger war als ich, verstanden wir uns recht gut. Öfter saßen wir gemeinsam auf meinem Bett und schauten zusammen auf meinem Laptop fern. Es war eine sehr gemütliche Atmosphäre und ich denke, wir taten uns gegenseitig ganz gut.

Wolfgang kam jeden Tag.

Meistens so gegen 16 Uhr, nach der Arbeit.

Wir gingen dann zusammen im Park spazieren. Wir unterhielten uns intensiv, denn Wolfgang war sehr daran gelegen, dass ich mir über die Ursachen meines Zustandes im Klaren wurde. Er sprach den Misbrauch meines Vaters an. Er versuchte das Verhältnis zu meiner Mutter zu beleuchten. Er sprach von dem Irrsinn meines Bombini-Projektes. Er fand viele Gründe, die mich in den Wahnsinn getrieben haben könnten. Ich jedoch konnte in meinen Erlebnissen keinen großen Wahnsinn erkennen. Ich hatte die Dinge schließlich leibhaftig erlebt und mir nicht, wie Wolfgang meinte, eingebildet. Ich war der festen Überzeugung einer großen feindlichen Macht begegnet zu sein. Einer Macht, die mich angegriffen hatte, eine Macht, die mich zerstört hatte. Mein Innerstes, meine Gedankenwelt, mein Weltbild, mein Gehirn und damit meine Persönlichkeit. Und zwar wegen meines Bombinis. Ich war Opfer einer „außerirdischen“ Observation bei gleichzeitiger Irreführung. Man hatte mich systematisch in den Wahnsinn getrieben. Doch Wolfgang wollte davon nichts hören. Er betonte immer wieder, dass ich mir dies alles einbilden, und nichts davon der Realität entsprechen würde.

Seine Hartnäckigkeit verunsicherte mich, aber wirklich einsichtig war ich nicht. Schließlich konnte ich die Folgen dieses heimtückischen Angriffs täglich spüren. Ich hatte mir demnach ganz bestimmt nicht eingebildet, dass mein Gehirn gelöscht worden war, denn diese Löschung war eine Tatsache. Und ich fragte mich: Warum hätte ich mir selbst das Hirn löschen sollen? Es war schließlich das wichtigste Werkzeug, dass ich hatte.

Da ich an keinen Therapien teilnehmen wollte, fragte man

mich, ob ich nicht an der Küchenaktion teilnehmen wollte.

Diese Aktion fand immer am Mittwoch statt, nach dem Mittagessen. Wer wollte, durfte dann unter Aufsicht in der stationseigenen Küche etwas kochen. Ich war einverstanden und schlug vor einen Apfelkuchen zu backen. Dazu musste ich einkaufen gehen und so bekam ich die Erlaubnis, das Krankenhausgelände verlassen zu dürfen, um eine Straße weiter in einem Supermarkt die fehlenden Zutaten einkaufen zu können. Ich war zwar etwas unsicher, aber ich absolvierte den Weg ohne mich durch irgendwelche Agenten bedroht zu fühlen. Die große Observation war offensichtlich eingestellt worden. Ich war für die Geheimdienste jetzt nicht mehr interessant. Der ganze Spuk war tatsächlich einfach vorbei.

Der Apfelkuchen kam bei meinen Mitpatienten sehr gut an und auch die Pfleger waren positiv gestimmt. Man freute sich auch darüber, dass ich nicht mehr ununterbrochen vor dem Laptop saß und so wurden die Medikamente weiter reduziert.

Ich bekam zu dieser Zeit Besuch von einer Nonne. Sie arbeitete in dem Krankenhaus und stellte sich gerne als Gesprächspartner zur Verfügung. Ich ging auf ihr Angebot ein. Ich erzählte ihr von meinem ganz besonderen Gotteserlebnis, ein Erlebnis, dass zwar schon einige Jahre zurück lag, dass ich aber irgendwie für die ganze Angelegenheit mit verantwortlich machte.

Es geschah an einem Nachmittag ein paar Monate nach meinem finanziellen Bankrott, ich lag auf meinem Sofa im Wohnzimmer und versuchte etwas zu schlafen. Da zog plötzlich eine Kraft an mir. Mein Körper blieb zurück auf dem Sofa, aber mein Ich wurde durch die Luft hinauf bis zum Mond gezogen. Dann ließ die Kraft nach und ich konnte mich umschauen, ich sah die Rückseite des Mondes im Schatten und davor die hellblau leuchtende Erde. Doch bald schon ging es weiter, wieder zog eine Kraft an mir, sie war so stark, dass ich in einem unglaublichen Tempo durch das Weltall gezogen wurde. Die Sterne flogen an mir vorbei und die winzige Erde verschwand in den Tiefen des Alls. Es war ein wunderschöner Anblick und ich erkannte die allumfassende Schönheit des Universums. Irgendwann befand ich mich an seinem Rande und ich wurde mir gewahr, dass ich auf einer riesiegen Hand stand. Diese Hand führte zu einem riesigen leuchtenden Etwas. Ich war sofort total ergriffen und ich ging auf die Knie. Dies war eindeutig ein Gott. Es war der eine Gott. Es war die Kraft des Universums selbst.

Ich konnte nicht hinschauen so eingeschüchtert war ich ob der Ausstrahlung dieses Wesens. Und dieses Wesen sprach zu mir in dem eine Stimme in mir deutlich wurde. Sie sprach von den Problemen meiner Welt. Und ich versprach, alles in meiner Macht stehende zu tun, um dem Guten, dass wie ich nun erkannte, um so vieles Stärker war als das Böse, zum Erfolg zu verhelfen.

Dieses wunderbare Universum war einfach viel großartiger als es die Bösen jemals vermuten ließen. Ich genoß den Anblick der abermillionen Sterne und wachte mit diesem Bild auf meinem Sofa kurz darauf wieder auf.

Ich hatte auch damals versucht einen geeigneten Gesprächspartner zu finden, der mir half dieses wundersame Erlebnis zu verarbeiten. Ich war nach Ratingen gefahren, und meldete mich an der Pforte meines alten Internates aus Kinderzeiten. Ich wollte mit den dort lebenden Nonnen sprechen. Ich fand auch eine, der ich etwas von meinem aufgewühlten Inneren erzählen konnte, und diese Nonne verwies mich an ihren Beichtvater, den Pfarrer von St. Nicolas, der katholischen Kirche Ratingens. Den suchte ich dann auch auf, und ihm erzählte ich davon. Er war auch wirklich sehr aufmerksam, wir unterhielten uns bestimmt 2 Stunden bei ihm zu Hause in der Küche. Ich gab ihm die ersten 500 Seiten meines bis dahin entstandenden Buches „Die schwarzen Steine“ und er schenkte mir den Katechismus. Jeder versprach die Gabe des anderen zu lesen. Das Gespräch war wirklich sehr interessant, doch am meisten war mir in Erinnerung, dass dieser Pfarrer irgendwann auf die Knie ging und die Hände faltete und zu mir sagte: „Wer weiß, vielleicht kommt durch Dich die Erlösung.“ Später aber träumte ich von diesem Pfarrer. Ich war wieder in seiner Kirche und er ging grußlos an mir vorbei. Ich hörte ihn nur sagen: „Ich bin von Dir enttäuscht.“ Und so meldete ich mich nicht mehr bei ihm. Ich war zudem viel zu sehr mit der Fortsetzung meines Buches beschäftigt und vergaß die ganze Sache. Nur wenn es mir mal wieder schlecht ging und ich an meinem Tun verzweifelte, dann dachte ich an mein wundersames Gotteserlebnis und ließ mich durch den Gedanken daran stärken. Gott war auf meiner Seite, er würde mir durch das schwierige Fahrwasser helfen, in dem ich mich befand.

Doch seit dem Blitz sah ich das Ganze etwas anders. Hatte mich Gott am Ende nicht kläglich verlassen? War ich am Ende nicht wirklich ganz alleine gewesen und hatte Fürchterliches durchleben müssen? Wo war Gott jetzt? Hörte er mir noch zu? Oder war ich auch für ihn jetzt völlig wertlos? Da mit meinem zerstörten Gehirn die Welt nun mal nicht zu retten war. Mir liefen die Tränen während unseres Gespräches und die Nonne tröstete mich. Sie hielt mein Erlebnis nicht für eine Verrücktheit, sie erzählte mir, dass es viele Menschen gäbe, die Gottes Nähe erleben durften. Und sie sei sich sicher, die Tatsache, dass ich nun in diesem Krankenhaus gelandet sei, die sei vielleicht ein göttlicher Wink mir aus meiner schwierigen Situation zu helfen.

Die Nonne kam auch die Woche darauf noch einmal vorbei und wieder führten wir ein Gespräch in dem viele meiner Tränen flossen.

Auch bei meinen Gesprächen mit Wolfgang ging es oft nicht ohne zu weinen. Aber Wolfgang ließ sich durch mein Schniefen nicht bremsen, er wühlte auch an wunden Punkten. Die Pfleger und Ärzte merkten, dass die regelmäßigen Besuche von ihm der Auseinandersetzung gut tat und so erlaubten sie, dass ich ein Wochenende zu Hause verbringen durfte. Allerdings war es mir verboten dort zu kiffen, sie kündigten an, dass sie am Montag danach eine Urinprobe von mir haben wollen würden, um das Verbot zu überwachen. Derartig instruiert holte mich Wolfgang am Samstagmorgen im Krankenhaus ab. Unser erster Weg führte direkt nach Holland. Wolfgang wollte Nachschub für die Wasserpfeife besorgen. Ich jedoch wollte mich auf jeden Fall an das Verbot halten und ich hielt es auch. Irgendwie war ich so voller Medikamente, ich hatte sowieso kaum verlangen danach.

Wir fuhren auch bei Aldi vorbei, ein paar Dinge für das Wochenende einkaufen. Doch ich kam mit all den vielen Reizen in diesem Laden überhaupt nicht gut klar. Ich wußte einfach nicht, was ich einkaufen sollte. Mir war der Laden schnell zuviel und so kamen wir vor allen Dingen mit einem Haufen Süßigkeiten wieder heraus. An kochen war bei mir irgendwie nicht zu denken. Ich wußte nicht was und wie. Irgendwie war das Rezeptbuch in meinem Gehirn ebenfalls gelöscht.

Zu Hause angekommen schaute ich mich erst einmal in der Wohnung um.

Keine Kameras zu sehen. Ich fühlte sie auch nicht mehr.

Ich war tatsächlich mit Wolfgang alleine hier und

niemand schaute uns zu. Die Agenten hatten

mich offensichtlich aufgegeben.

Stationswechsel

Ich hatte mal wieder ein Ärztegespräch. Wie immer interessierten sie sich nicht für meine Erlebnisse sondern sie versuchten mir wie schon so oft zu erklären, dass ich sehr krank sei und dass ich dies vor allen Dingen meinem regelmäßigen Drogenkonsum zu verdanken hätte. Allerdings war man mit meiner Entwicklung ganz zufrieden und schlug mir vor, dass ich nach dem nächsten Wochenende, dass ich wieder zu Hause verbringen durfte, auf die offene Station wechseln könne. Außerdem empfahl man mir wärmstens die verschiedenen Therapieangebote des Hauses anzunehmen, doch ich hatte dazu nur wenig Lust. Ich sah lieber fern. Ich genoß weiterhin das Privileg, meinen Laptop bei mir auf dem Zimmer haben zu dürfen. Claudia hatten sie dies gerechtigkeitshalber auch erlaubt, und so waren wir zwei wirklich sehr zufrieden gewesen. Eine angenehme Zeit.

Noch auf der geschlossenen Station bekam ich dann endlich überraschend Besuch von meiner Uraltfreundin Brigitte. Ich war mit ihr seit frühester Jugend befreundet, sie war die Patentante meines Sohnes und ansonsten der Mensch, der mich wohl am Besten kannte. Wir hatten uns in den letzten Jahren allerdings nur selten gesehen, meistens im Zusammenhang mit meinem Sohn. Sie hatte tatsächlich Annette geheiratet, genau, wie sie es damals in dem wundersamen Zukunftsfilm gesehen hatte. Doch natürlich erinnerte sich Brigitte nicht daran. Wie alle, die den Film gesehen hatten, konnten sie sich zwar kurz nach dem Film noch gut an das eine oder andere Detail erinnern, doch schon wenige Tage später, war alles vergessen.

Ich wußte nicht, ob es Sinn machen würde Brigitte jetzt nochmal danach zu fragen, und so fragte ich auch nicht. Ich wurde mir darüber klar, dass ich gegen dieses Vergessen nichts ausrichten konnte.

Wolfgang kam auch vorbei und so gingen wir in ein naheliegendes Cafe. Wir saßen auf der Terasse und bestellten uns etwas zu trinken. Wolfgang und Brigitte kannten sich noch nicht und so stellten sie sich erst einmal gegenseitig vor. Das heißt Wolfgang und Brigitte erzählten sich womit sie ihr Geld verdienten. Ich saß etwas außenvor dabei. Ich hatte schließlich keinen Beruf der Geld einbrachte. Ich war eine einsame Erfinderin und wurde für meine Arbeit von niemanden bezahlt. Und so fragte mich denn auch niemand nach meinen Leistungen. Und ich erzählte nichts darüber, zumal ich mich selbst nur bruchstückhaft an mein eigenes Tun erinnern konnte.

Allein meine vielen Filme auf meinem Laptop machten mir klar,

ich war alles andere als faul gewesen. 

Die Marienstation

Ich zog also nach der vierten Woche auf der Geschlossenen um auf die offene Station. Ich teilte mir ein kleines Zimmer mit einer jungen Frau. Sie saß fast den ganzen Tag auf einem Stuhl direkt neben ihrem Bett. Sie war sehr zurückhaltend und redete nicht viel. Sie sagte mir, dass sie an Depressionen leiden würde.

Ich richtete mich mit meinem Laptop in dem Zimmer ein, dann ging ich zum Ende des Ganges in den Aufenthaltsraum, der gleichzeitig auch das Raucherzimmer war. Der große Raum hatte zu drei Seiten große Fenster, was sehr schön aussah. Es gab mehrere Tische mit Stühlen daran, ein Regal mit Büchern und viele Gesellschafts-spiele. Außerdem gab es einen großen Fernseher.

Auf der anderen Seite des Ganges lag der Speisesaal. Er hatte Platz für ca. 30 Personen. Hier herrschte ein strenges Regiment, denn die Schwestern wachten darüber, dass jeder regelmäßig beim Tischdecken und Abräumen mit anfasste. Auch hier gab es einen Fernseher, der wurde jedoch, wie alle Fernseher auf den Stationen erst ab 17 Uhr eingeschaltet und um 22 Uhr war damit auch schon wieder Feierabend. Ich jedoch konnte fernsehgucken soviel wie ich wollte, denn meinen Laptop brauchte ich abends nicht mehr abzugeben.

Ich lernte einen Mitpatienten näher kennen. Amin. Er war Ende Dreißig, sah nett aus und er war offensichtlich froh, einen Gleichgesinnten in mir zu finden. Er erzählte mir von den unterschiedlichen Gangs, die in Neuss ihr Unwesen trieben, und mit denen er irgendwie in Konflikt geraten war. Auch mit der Polizei hatte er Probleme. Er erklärte mir, dass wenn er nicht stationär aufgenommen worden wäre, er unter Umständen im Knast sitzen müsse. Sein Problem waren Tabletten und andere Drogen.

Er interessierte sich sehr für Filme, er sammelte sie sozusagen. Er erzählte mir auch, dass er seine Wohnung mit Kameras ausgestattet habe und auf dem Computer alle Räume überblicken könne. Dies interessierte mich sehr, denn mittlerweile wünschte ich mir ebenfalls meine Wohnung derartig zu verwanzen. Es war etwas ganz anderes, wenn man selbst die Kontrolle über solche Bilder hatte. Er schenkte mir eine kleine Digitalkamera, als er hörte, dass ich nicht mehr filmen konnte, weil meine alte Panasonic den Geist aufgegeben hatte. Ich sollte ihm dafür später ein Bild malen. Am Besten ein Selbstportrait. Ich nahm den Handel gerne an. Jetzt hatte ich endlich wieder die Möglichkeit aufzunehmen. Das war wunderbar.

Ich gab ihm einige von meinen Filmen, die ich auf DVD gebrannt hatte, zum anschauen, denn auch er hatte einen Laptop auf seinem Zimmer.

Sein Komentar:

Das war sehr unterhaltsam und interessant,

Du solltest unbedingt damit weiter machen. Dies Lob von

einem Filmaffinen freute mich wirklich sehr.

Amin hatte einen Freund, der ihn regelmäßig besuchte. Oft gingen sie gemeinsam in die Stadt oder auch zu Amin nach Hause. Er nutzte im Gegensatz zu mir sehr ausgibig die Bewegungsfreiheit, die auf der Marienstation herrschte. Allerdings musste er auch bei der einen oder anderen Therapie teilnehmen, ich auch. Ausreden wurden hier nicht mehr geduldet.

Ich ging also mehrmals zu einer Veranstaltung, bei der man sich in einem großen Raum traf, sich mit einem Kissen auf den Boden setzte und bewußt atmete. An mehr erinnere ich mich nicht, obwohl diese Therapie bestimmt mehr beinhaltete. Doch bis zu mir durch drang die ganze Sache nicht, sonst hätte sie einen größeren Eindruck bei mir hinterlassen. Ich war auch bei einer Jogatrainerin. Das fand ich schon interessanter. Aber im Grunde waren mir diese Termine lästig und es fiel mir schwer mich darauf ernstlich einzulassen. Ich wollte lieber aus dem Krankenhaus heraus.

Die wöchentlichen Gespräche mit den Ärzten brachten mir so wenig wie die Therapien, denn niemand kümmerte sich um die Inhalte meiner angeblichen Wahnvorstellungen. So wie ich die Lage einschätzte, hatten mich aber genau diese Inhalte in die Situation gebracht, die mich so gestresst hatte. Ich war mir durchaus darüber klar, dass ich mir das eine oder andere eingebildet haben konnte, aber ganz bestimmt nicht alles. Die sonderbaren Erfahrungen, die ich gemacht hatte, die hatten mich, meiner Meinung nach, in die Paranoia getrieben, und nicht meine Stress senkenden Wasserpfeifchen. Da war ich mir doch sehr sicher und so freute ich mich schon auf meine baldige neue Freiheit, denn die Ärzte stimmten meiner Entlassung zu. Allerdings empfahlen sie mir dringend weiterhin zu meiner Therapeutin zu gehen und auch die Medikamente sollte ich unbedingt weiter einnehmen. Die Medikamente wegzulassen würde eine nicht unerhebliche Gefahr bedeuten einen Rückfall in die Psychose zu erleiden. Auch empfahlen sie mir die Kifferei sein zu lassen, denn die hielten sie nach wie vor für den eigentlichen Übeltäter.

Es kam also der Tag des Abschieds. Ich ging noch einmal auf die geschlossene Station um mich bei den Pflegern zu bedanken und mich auch von einigen dort immer noch wohnende Patienten zu verabschieden. Claudia hatte nach anfänglich guten Entwicklungen wieder einen Rückfall erlitten, ihre Arme waren frisch verbunden. Sie tat mir sehr leid. Und darum machte ich ihr ein Geschenk. Ich wußte, dass sie sich darüber ärgerte, dass sie etwas zu pummelig war. Und so sagte ich ihr, dass ich ihr eine Speckrolle abnehmen wolle, schließlich war ich dafür schlank genug. Ich versprach ihr, dass dieses Geschenk auf jeden Fall wirken würde, ich hätte dies schon einmal ausprobiert, allerdings umgekehrt, da habe ich eine Speckrolle an meine Schwester weitergegeben. Und es hätte geklappt. Also, Kopf hoch, es wird alles ganz bestimmt besser. Ich war in großzügiger Stimmung, denn ich freute mich jetzt wirklich sehr auf meine eigenen vier Wände.

Urlaub in der Küche

Wolfgang nahm sich 3 Wochen Urlaub.

Jetzt wo Monica wieder aus dem Krankenhaus heraus war, wollte er sich viel Zeit für sie nehmen können. Außerdem gab es so einiges in der Wohnung zu tun. Da war zum Beispiel der Wasserflecken an der Wohnzimmerwand. Er hatte mittlerweile unglaubliche Außmaße angenommen, und das hieß, da musste unbedingt etwas getan werden. So sah dies auch Monicas Betreuerin Frau Doogs Herholtz. Er hatte sie bis jetzt noch nicht kennengelernt, obwohl sie einige Male bei Monica im Krankenhaus gewesen sein soll.

Sie war eine flotte und agile Frau um die Vierzig und Wolfgang war froh, dass es mit ihr jetzt jemanden gab, der sich mit um Monicas Angelegenheiten kümmern konnte. Irgendjemand musste dafür sorgen, dass die Geldsperre bei der Arge aufgehoben wurde. Die Frau machte auch bei der Wohnungsgenossenschaft Druck und es dauerte nicht lange, da war die Ursache des Flecks ermittelt. Der Übeltäter war das Schlafzimmerfenster, dort lief das Wasser in die Wand. Es wurde ausgewechselt und die Wand wurde frisch gestrichen. Damit hatten sie alle ein Problem weniger. Aber die Arbeit ging ihm bei der arbeitslosen Designerin natürlich überhaupt nicht aus. Denn, dort wartete immer noch die Küche. Die sah mittlerweile wirklich schlimm aus, denn, da die Oberflächen noch nicht gemacht gewesen waren, hatte sich der nackte Yton fettig verfärbt. Auch die rote Wand sah einfach nur noch Scheiße aus. Das sah jetzt zum Glück auch Monica ein.

Sie fuhren in den Baumarkt um Material einzukaufen. Jetzt würde er doch in die Lage kommen, sich für diese Küche finanziell zu engagieren. Es tat zwar etwas weh, aber am Ende war er einfach nur froh, dass es auch äußerlich bei Monica wieder weiter ging. Der Anblick dieses gescheiterten Küchen-Projektes machte einfach nur depressiv. Und das jetzt höchstwahrscheinlich sowieso eine Depression anstand, das befürchtete er nicht ohne Grund. Ihm war es damals jedenfalls so ergangen. Er war nach den ersten Erkenntnissen, dass er sich all die wundersamen Dinge nur eingebildet hatte, in eine tiefe Depression verfallen. Jahre lang hatte er daraufhin mit seiner Situation gehadert, ja, er hatte sich am Ende nicht nur über jeden schönen Sommertag geärgert. Er hatte als Leiharbeiter auf den unangenehmsten Baustellen gearbeitet, und das für einen Hungerlohn. Das war seine Therapie gewesen, und er war sich nicht sicher, ob dies wirklich der richtige Weg gewesen war. Monica sollte es diesbezüglich auf jeden Fall besser haben. Er würde ihr so gut es ging helfen, aus dem Tal der Tränen wieder herauszukommen.

Er opferte also seinen Urlaub für die Küche. Er hatte auch nicht unbedingt damit gerechnet, dass das Fliesen der Oberflächen so lange dauern würde. Er tat sein Bestes, einmal angefangen, sollte die Küche nun auch wirklich schön werden. Monica rührte bei all der Arbeit allerdings nicht einen Finger. Sie saß tatsächlich die ganze Zeit auf einem Korbstuhl daneben und starrte Löcher in die Luft.

Es war zum verzweifeln, aber Monica weigerte sich auch nur einen Handschlag zu tun. Sie behauptete es nicht zu können, ihr Gehirn wäre damit überfordert. Das konnte er sich nicht so recht vorstellen. Sie klagte zwar öfter darüber, dass sie mit ihrem Kopf nicht richtig klar käme, aber zumindest rein äußerlich waren keine Schäden zu erkennen. Immer wieder behauptete sie, man habe ihr ihr Gehirn gelöscht, sie leide unter einer Amnesie, aber wenn man mit ihr sprach, dann merkte man nichts davon. Sie wußte schließlich noch wer sie war, wo sie wohnte und all die anderen Dinge, die zu ihr als Person gehörten. Es war also nicht ganz leicht nachzuvollziehen, wenn sie behauptete eine andere Person zu sein, mit fremden Gedanken und frenden Eigenschaften. Und diese neue Person hätte einfach überhaupt keine Erfahrung im Renovieren, sagte sie. Und sie wolle die gute Arbeit, die er leisten würde, nicht durch ihre zwei linken Hände kaputt machen. Da säße sie sich lieber den Hintern platt.

Es war eine Fiselsarbeit, die vielen kleinen Glasmosaiksteinchen

auf die Oberfläche zu bringen, aber das

Ergebnis konnte sich sehen lassen.

Er hatte Monica auch dazu überredet eine kleine, aber sehr entscheidende Veränderung an ihrem Küchenblock vorzunehmen. Und diese Veränderung tat dem ganzen Entwurf sehr gut, um nicht zu sagen, sie war absolut notwendig, wenn man an diesem Küchenblock auch arbeiten wollte. Dafür verzichtete sie dann auch auf ihre gräßliches drittes Element. Dies war in seinen Augen ein echter Mißgriff. Ohne dieses Element blieb auch mehr Bewegungsspielraum, auch wenn an seiner Stelle dort ein Regal stehen würde.

Zum Glück ließ Monica sich dazu überreden wenigstens die Wände zu streichen. Er hatte vorgebracht, dass dies auch ein Anfänger bewältigen könne, sie also diesbezüglich keine Ausrede haben würde.

Das Selbstportrait

Ich ergriff die Farbrolle und machte mich daran, die rote Wand zu überstreichen. Leider war mir diese Wand wirklich nicht gelungen, und dass, obwohl ich meine schönsten roten Farbpigmente für die Wand geopfert hatte. Aber was auf einem Bild gut aussah, dass konnte auf einer ganzen Wand trotzdem daneben gehen. Diese rote Wand machte den Raum jedenfalls ehr kalt statt warm. Der Kontrast zu den blauen Mosaiksteinchen war einfach zu groß und auch das Rot selbst war sehr blau. Nein, hier hatte ich mich eindeutig vertan. Ich holte also meine erdfarbenen Pigmente hervor um damit die Wand Lehm- oder Terakottafarben umzufärben. Für den Rest entschied ich mich für Weiß und ein ganz helles Grau.

Ich gab mir Mühe, aber richtiger Handwerkerstolz kam nicht auf. Ich quälte mich durch die Aufgabe, wenn ich am Ende auch froh über das Ergebnis war. Es sah viel besser aus. Viel wärmer und einladender. An die hellbraune Wand stellte ich ein blaues Metallgestell, in das ich alte Regalböden aus Holz einlegte. Dann stellte ich unter mein Bombini-Kunstwerk zwei weiße Korbstühle und einen Beistelltisch bestehend aus einem Trommelständer und einer Schachspielplatte. Ein Flickenteppich auf den alten, ungestrichenen Boden und fertig war die Küche. Endlich. Auf renovieren hatte ich einfach überhaupt keine Lust mehr. Ich hatte eigentlich auf gar nichts Lust. Ich hatte das Gefühl ständig neben mir zu stehen und mich über mich selbst zu wundern. Nichts, was mir vormals Freude gemacht hatte, konnte mich jetzt noch reizen. Alles schien mir fremd, nichts machte mir Freude. Ich saß am liebsten nur noch auf meinem Sofa. Ich wollte nichts tun, ich wollte niergendwo hin, ich wollte einfach gar nichts mehr.

Seit Wolfgang wieder arbeiten ging hatte ich viel Zeit für mich und diese Zeit verbrachte ich weitestgehend vor dem Fernseher. Ich hoffte darauf, dass er mit mir sprechen würde. Ich wußte zwar nicht, wie es den Göttern gelungen war in den Apparat zu kriechen, aber sie waren da drin. Ab und zu konnte ich sie hören. Nicht mehr so deutlich wie ich es im Winter erlebt hatte, aber immer noch genug, um mich zu unterhalten. Ich ließ also den ganzen Tag die Kiste laufen. Währenddessen versuchte ich zu malen. Nicht aus Freude oder weil ich Lust hatte, sondern aus schlechtem Gewissen. Den ganzen Tag einfach nur fern zu sehen, dass schien mir einfach nicht richtig zu sein.

Aber ich wußte nicht was ich malen sollte. Ich hatte keine inneren Bilder, die sich Bahn brechen wollten, so wie es sonst immer der Fall gewesen war. In mir war alles leer. Ich versuchte es mit einem Selbstportrait für Amin. Er hatte es bei mir ja sozusagen in Auftrag gegeben. Ich suchte die Pigmente, die ich noch hatte und malte so gut es eben ging. Aber ich war mit dem Ergebnis absolut unzufrieden. Ich hatte eine Frau mit langen Haaren gemalt, die in einem Buch las. Ihre Augen waren auf die Buchseiten gesenkt und schauten den Betrachter nicht an. War dies nicht ein schrecklich ausdrucksloses Bild? Und die Farben gefielen mir auch überhaupt nicht. Ich hing es zwar im Esszimmer an die Wand, aber ich kam zu dem Schluss: Das bin ich nicht.

Amin rief an und wollte mich mit seinem Freund besuchen. Ich hatte damals Lasagne versprochen, doch wenn ich ehrlich war, ich wollte nicht kochen. Ich hatte auch dazu überhaupt keine Lust. Außerdem war ich mir nicht sicher, ob ich es schaffen würde eine gute Lasagne hinzubekommen. Irgendwie war ich, was das Kochen anging, zur völligen Anfängerin mutiert. Mir fehlte schlicht und ergreifend die nötige Erfahrung. Sie war mir weggeblitzt worden.

Das war dann auch der Grund, wieso ich nicht sehr enttäuscht war, dass Amin und sein Freund mich versetzten. Es war irgendwie nicht leicht eine Freundschaft aus dem Krankenhaus aufrechtzuerhalten. Vielleicht hatte er aber auch Probleme bekommen, mit der Polizei, den Gangs, was auch immer.

Ich hängte das Bild wieder ab und ich war froh es nicht

weggeben zu müssen, es war einfach zu schlecht.

Leonardo und Pikasso

Ich kaufte mir in einem Billigladen eine Palette von kleinen Tübchen mit schönen Acrylfarben und ein paar kleinere Leinwände. So etwas hatte ich noch nie gemacht. Normalerweise fuhr ich in einen Künstlerbedarfsladen und kaufte mir Pigmente, Binder, Rahmen, Leinwand und Pinsel um alles selbst machen zu können. Ich rührte mir die Farben selber an und bespannte auch die großen Leinwände selbst. Das war für mich immer genau die richtige Einstimmung in die Aufgabe gewesen. Doch zu diesem Aufwand hatte ich keine Lust mehr.

Ich setzte mich ins Esszimmer an den großen Tisch und überlegte, was ich malen könnte. Da erinnerte ich mich an das dicke Leonardobuch. Es war ein umfangreicher Katalog seiner Arbeiten. Ich suchte mir eine seiner Zeichnungen heraus und begann diese in Acryl zu kopieren. Auch so etwas hatte ich noch nie gemacht. Aber in mir drin fehlte es einfach an eigener Inspiration. Es war eine reine Beschäftigungstherapie. Ich bemalte fünf kleine Leinwände. Das letzte Bild war die Monalisa. Meine lächelte allerdings nicht. Doch ansonsten war ich mit meiner Arbeit eigentlich ganz zufrieden. Die Vorlagen waren eben einfach gut. Leonardo war ein wirklich einzigartiger Künstler und mir wurden die Welten klar, die zwischen uns lagen. Aber meine Kopien gefielen mir immerhin so gut, dass ich die Bilder in der Küche unter mein Bombini-Kunstwerk hing. Auf der terrakottafarbenen Wand sahen die Bilder sogar richtig gut aus. Aber zufrieden machte mich das Ganze dennoch nicht. Es waren halt Kopien, keine eigenen Schöpfungen.

Aber ich war immerhin beschäftigt und hing nicht außschließlich vor der Glotze. Die lief allerdings die ganze Zeit im Hintergrund. Ohne Fernseher fühlte ich mich einfach zu einsam. Die Stille der Wohnung machte sie mir zu deutlich. Musik als Alternative wollte ich auf keinen Fall hören. Musik ging mir sehr schnell auf die Nerven. Ich konnte und wollte mich nicht auf die Stimmung der Musik einlassen. Ich wollte durch sie nicht berührt werden. Vor allen Dingen, wenn ich die Musik hörte, die ich vorher so geliebt hatte. Sie löste Erinnerungen bei mir aus, die ich nicht haben wollte. Zu groß war einfach der Unterschied. Damals war ich glücklich und inspiriert gewesen. Jetzt war ich leer und ausgebrannt.

Ich fuhr etwa einmal die Woche zu Frau Dr. Mitschuleit. Sie verschrieb mir erst einmal ein neues Medikament, dass aus dem Krankenhaus stand im Verdacht dick zu machen und ich merkte schon, ich hatte etwas zugenommen. Ansonsten nutzte ich die Termine um zu reden. Ich versuchte meine Gedanken und Gefühle in Worte zu fassen, doch selten blieb davon etwas in meinem Gedächtnis haften. Wenn ich mich auf mein Fahrrad schwang um nach Hause zurück zu fahren, hatte ich meistens schon vergessen, was ich erzählt hatte. Meine Konzentrationsprobleme wollten einfach nicht nachlassen. Auch mit Wolfgang diskutierte ich viel. Meistens setzten wir uns nach seiner Arbeit zusammen ins Wohnzimmer, rauchten die eine und die andere Wasserpfeife und nicht selten flossen bei mir am Ende nur noch die Tränen. Ich war einfach in einer denkbar schlechten psychischen Verfassung. Doch Wolfgang ließ nicht locker. Er versuchte den Ursachen meiner Erkrankung nachzuspüren. Ich sah jetzt durchaus auch ein, dass ich krank war, aber was eine Psychose wirklich war wuste ich immer noch nicht. Ich konnte mir unter Wahnvorstellungen einfach nichts vorstellen. Denn, dass was ich erlebt hatte, das hatte in meinen Augen nichts mit Wahnsinn zu tun. Ich hatte Kontakt zur 5. Dimension gehabt und dabei Schreckliches erlebt. Wahnvorstellungen hatten meiner Vorstellung nach verrückt zu sein, nicht nachvollziehbar und nicht erklärbar, doch das was ich erlebt hatte, das hatte System, Inhalt, es machte in meinen Augen einen Sinn. Es war also nicht verrückt sondern es enthielt womöglich eine wichtige Botschaft.

Allerdings war ich überhaupt nicht in der Lage das Ganze sinnvoll und logisch darzustellen. So durcheinander wie es in meinem Kopf war, so chaotisch war auch das was ich von mir gab. Und Wolfgang pochte immer wieder darauf, dass meine Erlebnisse durch mein eigenes Unterbewußtsein erschaffen worden seien. Alles hatte ich mir nach seiner Anschauung selbst zugefügt. Auch die Hirnlöschung. Er meinte, dass mein Gehirn am Ende eventuell die Reißleine gezogen hatte, um meinem unglaublichen Wahnsinn zu beenden.

Und ich dachte:

Und genau dass wollten die Bösen erreichen.

Sie wollten ihr gemeines Handeln hinter einer Krankheit verstecken. Sie quälten die Menschen so geschickt, dass sie am Ende immer ungeschoren davon kamen. Ich war mir absolut sicher, dass ich mich nicht selbst zerstört hatte. Dies war das Werk eines bösen Geistes. Die Frage die ich mir stellte war daher: Wer ist dieses Schwein?

Ich verbrachte die Zeit also mit malen und grübeln. Ich ferigte zwei Bilder von Leonardos Abendmal an. Das Erste war doch etwas düster geworden, das Zweite war aber wirklich ganz gut gelungen und ich hängte es ins Esszimmer. Ich fand: Jeder sollte eigentlich ein Abendmal im Esszimmer hängen haben, es war wirklich ein sehr schönes Bild.

Nach Leonardo nahm ich mir Pikasso vor, auch über seine Werke hatte ich ein dickes Buch. Ich malte einige seiner Köpfe auf kleine quadratische Leinwände. Ich war überrascht wie gut sich Picasso kopieren ließ und traute mich danach an ein großes Bild heran. Ein typisches Frauenbild von ihm. Ich veränderte jedoch die Haarfarbe, ich malte die Frau in blond. Und sie erinnerte mich gleich an die Frau Heine vom Gesundheitsamt. Bei ihrem nächsten Besuch würde ich ihr dieses Bild zeigen. Es sah toll aus, doch das war für mich auch kein großes Wunder, denn auch die Vorlage war einfach großartig gewesen. Und wieder wurde ich mir der großen künstlerischen Kraft dieser großen Maler bewußt. Ich dagegen war ein absolut kleines Licht. Ich sah mich einfach nicht mehr in der Lage ein eigenes künstlerisches Werk zu erschaffen. Es war sehr frustrierend und so packte ich die Malsachen wieder weg. Immer mit seiner eigenen Unzulässigkeit konfrontiert zu sein, dass machte einfach nur noch depressiv.

Meine Stimmung fiel in den Keller.

Ich konnte mich einfach zu nichts mehr motivieren. Selbst lesen fiel mir schwer. Erst einmal war das Lesen mit Brille total unbequem und zum Anderen konnte ich mich auf nichts konzentrieren. Wenn ich eine Seite gelesen hatte, dann verlor sie sich in den weiten Ebenen meines verschneiten Gehirns. Immer wieder driftenen meine Gedanken ab. Nichts blieb haften. Also landeste ich am Ende immer auf dem Sofa und schaute fern. Leichte Kost, wenn möglich, denn kompliziertere Themen konnte ich nicht verarbeiten. Ich sah mir auch meine eigenen Filme an. Doch dabei wurde ich oft total unglücklich. Wenn ich Monalisa da so locker vor der Kamera die Welt erklären sah, dann wurde mir der Schaden deutlich, den ich davon getragen hatte. Ich war Monalisa nicht mehr, ich war jetzt jemand anderes. Und diese Andere machte mir große Probleme. Diese Andere war mir nämlich total unsympathisch. Sie war unendlich faul und lehnte, dass mir bis dahin fast heilige Bad, total ab, so als ob ich plötzlich wasserscheu geworden sei. Ich hatte keine Lust mehr zu frühstücken. Kein Frühstücksei konnte mich noch verlocken, obwohl dies über viele Jahre mein Lieblingsfrühstück gewesen war. Überhaupt bereitete das Essen mir zunehmend immer mehr Probleme. Ich wußte einfach nicht wozu ich Lust hatte. Mir schmeckte nichts mehr und dabei war ich jetzt auch noch verpflichtet jeden Tag zu kochen. Denn das war der Preis für meine Tatenlosigkeit bei der Küchenrenovierung gewesen.

Wolfgang wollte nicht nur einmal dafür von mir bekocht werden.

Er wollte jetzt dafür jeden Tag, außer am Sonntag,

etwas von mir vorgesetzt bekommen.

Doch ich wußte nicht was. Mein Kopf war auch diesbezüglich absolut leer und darum gab es meistens das Gleiche. Nudeln. Sonntags fuhren wir zu seinen Eltern zum Essen und Montags wärmte ich das Essen auf, dass wir von der Mutter eingepackt bekommen hatten. Ich war darüber mehr als froh, so brauchte ich mich nicht zu bemühen. Denn es machte mir Mühe. Aber Wolfgang war diesbezüglich streng. Er fand, dass ich eine Aufgabe am Tag brauchte. Er machte mir von daher den Vorschlag: Ich bezahle den Einkauf, dafür kochst Du das Essen. Das war ein großzügiger Vorschlag, den ich in Anbetracht meiner finanziellen Situation nicht ablehnen konnte. Ich würde so zumindest keine alltäglichen, finanziellen Sorgen mehr haben. Also sagte ich Ja zu dieser doch sehr traditionellen Arbeitsteilung. Und Satan senior freute sich. Sein Plan war aufgegangen. Die Frau stand in der Küche und von dem Bombini war weit und breit nichts zu hören oder sehen.

Ikea

Meine Mutter wollte mir einen Gefallen tun und lud

mich ein mit ihr nach Ikea zu fahren.

Ich sollte mir dort eine Kleinigkeit aussuchen dürfen, irgendetwas Schönes für meine Küche. Es war ein sonniger Tag und schon als wir auf den Parkplatz fuhren sah ich ein Plakat mit einem grünen Blechmülleimer. So einen wollte ich haben, der würde wunderbar zu den schönen blauen und grünen Mosaiken passen. Doch zu Beginn wollten wir erst einmal eine Kleinigkeit essen, das gehörte für meine Mutter und mich zu einem erfolgreichen Ikeabesuch. Wir saßen an einem der vielen runden Tische und ich verspeiste meine Portion Kötterbular mit Salzkartoffeln. Doch meine zunächst gute Stimmung war nicht besonders stabil. Plötzlich hatte ich meine Mutter auf dem Kieker. Ich begann ihr Vorwürfe zu machen. Insbesondere wegen Felix. Ich wurde immer lauter und die Leute an den Nachbartischen wurden schon neugierig. Mir machte dies allerdings überhaupt nichts aus. Im Gegenteil. Ich wollte meine Mutter öffentlich anklagen und bloßstellen. Das sollte ihre Strafe sein für ihr egoistisches Verhalten. Denn dieses Verhalten hatte es meinem Sohn ermöglicht bei mir diesen Scheißabgang aufzuführen. Sie hatte ihn in seinem Tun unterstützt, nur weil sie sich bei ihm als die immer liebende Oma präsentieren wollte. Das es aber der völlig falsche Zeitpunkt war, das hatte irgendwie niemanden gestört. Seine Versetzung wurde dadurch meiner Meinung nach ernstlich gefährdet. Ich hatte darum gewollt, dass er bis zu den Sommerferien wartet. Aber ich hatte keine Chance gegen dieses Bollwerk an Felixunterstützern.

Meine Mutter wurde sehr still und versuchte alles zu Unterlassen, was mich noch weiter aufbringen würde. Es war ihr sichtlich sehr peinlich und unangenehm. Ich hatte meine Rache und beruhigte mich wieder etwas. Wir gingen nach diesem Vorfall wie geplant durch die Abteilungen, ich packte mir noch Kerzen und anderen Kleinkram ein, natürlich dachte ich auch an den Mülleimer und an der Kasse zahlte das Meiste meine Mutter. Ich war mit mir zufrieden. Das hatte wirklich mal heraus gemusst.

Weihnachten waren wir bei meiner Mutter zum Essen eingeladen und mein Sohn telefonierte kurz mit mir. Er war jetzt in München und machte dort eine Lehre als Hotelfachmann in einem 5-Sterne-Hotel. Da hatte er seinen Glitzer und Glammor. Er war sehr glücklich über diesen Ausbildungsplatz, denn er hatte sich gegen hunderte anderer Bewerber durchgesetzt. Jetzt wollte er sich auch von seiner besten Seite zeigen und so war er sehr engagiert bei der Sache. Ich war beruhigt. So hatte er also selbst einen Weg in die Zukunft gefunden. Wenn es ihm Spaß machte reichen Leuten zu Diensten zu sein, bitteschön, jeder wie es ihm gefällt.

Mein Sohn suchte Halt in der Gemeinschaft der Kollegen

und freute sich darüber sein eigener Herr zu sein.

Ich war froh, dass es ihm gut ging, denn in meiner Verfassung hätte ich ihm einfach keine Hilfe sein können. Ich brauchte jetzt selber Hilfe. Mir ging es einfach immer schlechter. Oft stand ich am Fenster und schaute hinaus auf die still daliegende Straße. Ab und an kam ein Auto langsam vorbeigefahren, vielleicht auch mal ein Radfahrer oder Jogger. Ansonsten war es gähnend langweilig. So hatte ich die Welt noch nie wahrgenommen. Bisher war ich immer mit irgendetwas beschäftigt gewesen, irgend ein Ziel war immer da. Doch jetzt hatte ich nichts mehr von all dem.

Es war wirklich das erste Mal in meinem Leben,

dass ich mit meinem Lustprinzip scheiterte.

Bisher hatte es immer wunderbar funktioniert. Denn Lust kreativ zu sein hatte ich immer gehabt und so war, meiner Meinung nach, auch eine ganze Menge Gutes entstanden. Doch niemand interessierte sich dafür. Und jetzt? Was sollte ich anderleuts Motive malen und Bücher fremder Menschen lesen, hatte ich denn nicht selbst genug produziert? Jetzt aber fiel mir tatsächlich nichts mehr ein, was ich machen konnte. Ich war einfach viel zu sehr mit mir und meinem ausgebrannten Zustand beschäftigt. Was hatte mich nur in diese desolate Situation gebracht?

Und zu allem Überfluss nahm ich auch noch zu. Der Bewegungsmangel und die vielen Süßigkeiten machten sich unangenehm bemerkbar. Ich musste mein Leben unbedingt wieder in den Griff bekommen, aber das einräumen der Spülmaschine war schon Grund genug anschließend zwei Stunden auf dem Sofa zu liegen und fernzuschauen. Das war noch das einzige, was mich interessierte. Ich zappte unentwegt von einem Programm zum nächsten und wenn dort wirklich nichts Interessantes zu finden war, dann ging ich auf meine Internetseite und schaute mir meine Schnibbelfilme an. Sie halfen wie ich feststellte meinem Erinnerungsvermögen auf die Sprünge, denn ich erinnerte mich bei vielen Filmchen ziemlich genau daran, wie sie entstanden waren. Ich wußte um meine Stimmung und meine Gedanken, die ich mir beim schneiden der Filme gemacht hatte.

Und so sammelte ich einzelne Erinnerungen und

versuchte diese unter einen Hut zu bringen.

Siux

Ich litt an einer Depression.

Ich kannte diesen Zustand durchaus. In einer ähnlich problematischen Situation war ich schon einmal geraten. Damals war es allerdings so schlimm gewesen, dass ich Panik bekam, wenn ich allein mit mir war. Ich konnte mein Spiegelbild nicht ertragen, ich geriet in einen seelischen Tunnel, der erst nach vielen Monaten wieder Licht an seinem Ende zeigte. Diesmal war es jedoch etwas anders. Ich verfiel in eine absolute Lustlosigkeit und ich hatte das Gefühl, in einem tiefen Keller zu sitzen. Ich saß in meiner persönliche Hölle und ich empfand diesen Zustand als weitaus Schimmer als die Zeit der Psychose, obwohl ich auch dort an meine absoluten Grenzen gekommen war. Die Gefühle, die mich zeitweise überfallen hatten, waren so unangenehm gewesen, dass ich mir in diesem Moment sagte: Das ist wirklich so Schlimm, das ist einfach unerträglich! So weiterzuleben habe ich absolut keine Lust! Wenn das nicht aufhört, bringe ich mich um.

Jetzt wollte ich mich zwar nicht unbedingt aktiv ausschalten, aber ich konnte mir sehr gut vorstellen spätestens in ein paar Jahren von selbst zu sterben. Irgendeine schlimme Krankeheit oder etwas Vergleichbares. Wie bei meiner geliebten Patentante vielleicht, sie starb viel zu früh mit 55 Jahren an Lungenkrebs. Diesen wünschte ich mir in dieser Zeit fast herbei und mit meinen vielen Wasserpfeifen tat ich denn auch viel dafür.

Der Tod wurde für mich zu einem Gedanken der Erlösung. Ich hatte mein Lebenswerk vollbracht und konnte mir beim besten Willen nicht vorstellen, dass ich jemals noch einmal einen solchen Kraftakt auf die Beine würde stellen können. Doch genau das verlangte Wolfgang von mir. Er meinte, mein großartiges Lebenswerk sei nur eine Übung gewesen, ich solle versuchen neue Filme zu machen. Die Monalisa-Filme wären zu psychoselastig, denn ich hätte an den ganzen Kram geglaubt, dies sei aber alles andere als gut. Es bestünde einfach die Gefahr, dass ich als Verrückte abgestempelt würde und nicht als Künstlerin.

Doch der Gedanke, mich jetzt vor eine Kamera zu stellen, war absolut abschreckend. Ich war einfach nicht mehr in der Lage so locker und flockig über Gott und die Welt zu reden. Ich war überhaupt nicht in der Lage zu reden. In meinen Ohren stotterte ich mich durch die Themen. Alles kam schnell durcheinander, ich regte mich auf und bald schon liefen die Tränen. Wie sollte ich so meine Zuschauer unterhalten, das war absolut illusorisch. Doch Wolfgang redete mir gut zu, er versicherte mir, dass ich mich mit der Zeit von alllem erholen würde, dass ich sogar zu einer besseren Form finden würde und wenn ich aus meinen Fehlern lernen würde, dann wäre in meiner Zukunft noch alles möglich. Ich glaubte ihm davon kaum ein Wort, wenn ich auch hoffte, das er Recht haben würde. Denn, dass es zumindest in meinem Kopf ganz langsam aber stetig etwas besser wurde, dass konnte ich durchaus merken. Ich erinnerte mich an immer mehr und ich konnte meine Gedanken auch etwas besser festhalten. Aber für einen Akt vor der Kamera war es auf jeden Fall noch viel zu früh.

Ich klagte meiner Threapeutin mein Leid

und sie verschrieb mir ein Antidepessivum.

Eigentlich lehnte ich Tabletten ab, aber jetzt war es mir egal, Hauptsache der Zustand würde besser. Ich konnte den Blick aus meinem Fenster wirklich nicht mehr ertragen.

Ich durchforschte in meiner Langeweile meinen Laptop und kam zu dem Schluß: Die Schnibbelfilme sind wirklich gar nicht so schlecht. Mit dieser Einschätzung stand ich zwar ganz alleine, aber ich erkannte in ihnen ein riesiges Potential. Ich dachte: Wie wäre es, wenn es wirklich einen Monalisa-Kanal geben würde? Eine Internetseite, auf der die Schnibbelfilme täglich neu präsentiert würden. Kleine Fernsehhappen für den Internetnutzer. TV-Mitschnitte des Tages. Ich stellte mir vor, ich hätte eine Seite, auf der ich täglich neue Filmchen zeigen würde. Vielleicht würde ich auf diese Weise einen relativ festen Zuschauerkreis gewinnen, der meiner unendlichen Geschichte folgen würden. Es sollte eine Art Serie sein. Eine Serie zum Beispiel über mich und meine Agentengeschichte. Denn, so wie ich die Sache sah, erzählte der Fernseher weiterhin von mir und meinem Leben. Natürlich würde ich dazu eine Anleitung geben müssen, damit der Zuschauer die Geschichte auch enträtseln konnte.

Noch sah ich mich nicht in der Lage mich wieder

an die Produktion neuer Schnibbelfime zu machen, deshalb

versuchte das ganze jetzt live, also unmittelbar.

Dass hieß, ich zappte so durch das Programm, als wäre dies schon der fertige Schnibbelfim. Dieses Live-Schneiden hatte mich während des dramatischen Winters sehr gestresst, da ich schnell merkte, wenn man nicht sehr gut aufpasste, dann entstanden ziemlich problematische Schnitte. Doch jetzt, so wußte ich, hörte mir ja auch nicht gleich die halbe Welt zu. Wenn ich Schnibbelfilme live machen wollte, dann musste ich erst mal üben. Und so übte ich bald den ganzen Tag.

Allerdings war mir klar, wenn ich mich nicht ein bisschen mehr bewegen würde, dann würde ich dabei endgültig zu einer Tonne. Außerdem fühlte ich mich noch immer sehr einsam in meinen vier Wänden. Ich wünschte mir daher einen Hund. Ich dachte, seine Anwesenheit würde mir helfen können und das regelmäßige Gassigehen könnte der richtige Ausgleich zum Sofa darstellen. Ich sprach mit Wolfgang darüber und nach einigem Überlegen war er damit einverstanden. Es sollte natürlich ein Hund aus dem Tierheim sein. Wir recherchierten im Internet und entdeckten ein Tierheim, dass die Hunde für sehr kleines Geld abgab. 60 Euro, das war sogar bei meinem knappen Hartzgeld drin. Wir fuhren also nach Grafenberg und statteten dem Heim einen Besuch ab. Wir gingen mit einer Pflegerin von Box zu Box. Es gab einige Hunde zur Auswahl, aber keiner schien der Richtige zu sein.

Dann kamen wir an ein Freigehege in dem ein langhaariger, nicht zu großer Schäferhund saß. Ich wußte sofort: Der ist es! Wir nahmen den Hund für einen Spaziergang mit durch den Garfenberger Wald und nach einer Stunde war klar: Den nehmen wir!

Und, nicht ganz gewöhnlich bei solchen Besitzervermittlungen, wir durften ihn auch gleich mitnehmen. Wir wurden nach unseren Wohnverhältnissen gefragt und ob wir Hundeerfahren wären. Ich bestätigte zwei große Hunde gehalten und einen Garten zu haben und schon konnten wir mit Siux, so hieß der Knabe, nach Hause fahren.

Zuhause angekommen fütterten wir ihn erst einmal und dann saßen wir im Wohnzimmer und versuchten Siux näher kennenzulernen. Er wurde zu unserem Lieblingsthema. Am nächsten Tag, es war ein Sonntag, machten wir einen größeren Spaziergang. Die viele Bewegung war richtig ungewohnt und am nächsten Tag spürte ich dies auch an einem heftigen Muskelkater. Ich war durch das ewige auf dem Sofa liegen total eingerostet. Von nun an hieß es aber zumindest 2 mal am Tag: Hinaus vor die Tür! Bei Wind und Wetter. Und ich bereute die ganze Sache schon nach wenigen Tagen. Mir war die Verpflichtung irgendwie völlig zuviel. Aber jetzt war es nun mal geschehen und Wolfgang wäre wirklich sehr böse geworden, wenn ich Siux zurück ins Tierheim hätte bringen wollen. Das war mir schnell vollkommen klar. Ich verstand mein Problem aber auch selber nicht. Ich hatte Jahre lang einen großen Hund gehalten und es hatte mir immer sehr viel Freude gemacht mit ihnen durch die Welt zu spazieren. Diesmal jedoch war mir der Hund einfach zu fordernd, zu anstrengend. Dabei war Siux ein wirklich friedlicher Geselle und gut erzogen. Allerdings liebte er es gar nicht wenn ich in den Fernseher schaute. Er wollte gestreichelt werden und vielleicht auch mal hinaus in den Garten. Ich aber hatte dazu keine Lust. Mir ging der sonnige Frühling einfach nur auf die Nerven.

Auf unseren regelmäßigen Spaziergängen schaute ich meist nur auf den Boden. Dabei liefen mir die Tränen, obwohl ich nicht wußte warum. Eigentlich war jetzt doch alles gut. Ich hatte keine finanziellen Nöte mehr auszustehen, ich konnte den ganzen Tag machen was ich wollte, ich hatte einen netten Freund, ich hatte einen lieben Hund. Aber ich war trotz dieser wirklich guten Vorraussetzungen einfach immer nur unglücklich. Die Antidepri-Tabletten sollten mir helfen, diese Traurigkeit abzuwerfen, und ich hoffte sehr darauf. Es war einfach sonst kein Weiterkommen. Ich verschwendete schlicht damit meine Zeit. Und irgendwie wurde es auch besser, ob es an den Tabletten lag oder am Hund, wer weiß es zu sagen.

Wieder auf Empfang

Nach wenigen Monaten war das wirklich schlimme Gefühl

der Depression überstanden, wenn ich auch noch

keine Bäume ausreißen konnte oder wollte.

Aber ich war wieder so fit, dass ich an meine Schnibbelfilme zurückkehren konnte. Morgens ging ich eine Runde mit dem Hund, kaufte unter Umständen etwas ein, dann machte ich mir einen Kaffee und setzte mich vor meinen Laptop und begann damit das vielfältige Programm mitzuschneiden und anschließend die Schnibbel zu einem 5 Minutigen Film aneinanderzusetzen. Ich wollte nicht in die Magie der Zufälligkeit eingreifen, aber absolute Fehlschüsse ließ ich weg. Ich versuchte inhaltlich interessante Übergänge zu schaffen. Ich versuchte Sinnhaftes zu komponieren. Der zukünftige Betrachter muss selbst entscheiden ob ihm so ein Schnibbelfilm gefällt, ich jedenfalls hatte dabei meinen Spaß. Ja, hier konnte ich lachen, mich an der Magie des Zufalls erfreuen, ich entdeckte sogar, die Filme hatten einen gewissen, offenbarenden Charakter. Sie sagten nicht selten die Zukunft voraus. Zumindest konnte ich die Filme derartig interpretieren. Ich und mein einsamer Agent. Gut, ich hatte mittlerweile eingesehen, dass er möglicherweise doch nur eine Einbildung gewesen war, aber ich vermisste ihn. Und so stellte ich ihn mir eben wieder vor. Ich brauchte einfach einen Zuschauer, einen der sich ebenfalls für die versteckten Auskünfte interessierte, die der aufmerksame und geschulte Geist aus meinen Filmchen entnehmen konnte.

Ich wollte aber natürlich auch informieren und dass hieß

die Themen des Tages zu dokumentieren, immer

mit dem Hintergedanken im Kopf:

Du willst auch die Fernsehmuffel aufwecken!

Ja, ich sah meine Filmchen als Werbung für das Fernsehen. Menschen, die viellleicht nur noch im Internet unterwegs waren, die würden meine „5-Minuten-Terrinen“ gewiss genießen und feststellen: Ach, Fernsehen ist doch gar nicht so doof.

Es hatte mich schon länger interessiert wie man Fernsehen und Internet miteinander verbinden konnte, denn ich hatte nach meinem Studium einen interessanten Auftrag bekommen. Ich sollte einen Fernseher desingnen, der zugleich auch internettauglich war, damals war dies noch etwas ganz Besonderes. Und ich entwickelte darauf hin ein Konzept: Ein Fernseher mit Computereigenschaften. Leider wurde er nicht realisiert, die eingestürzten Zwillingstürme machten die Firma vorsichtig, da sie alle eine Weltwirtschaftskrise erwarteten. Mein Konzept landete in der Schublade und als es wirtschaftlich wieder bergauf ging, da hatte der zuständige Chef der Designabteilung die Firma gewechselt und mein zukunftträchtiger Fernseher war nicht mehr gefragt.

Es gab auch noch einen weiteren Grund für das Aus zu meinem Konzept. Mein Konzept war zu gut. Es hätte eine echte Konkurrenz zu bestehenden Geräten sein können, doch soweit wollte die Firma gar nicht gehen, schließlich waren diese Konkurrenten gleichzeitig auch ihre Kunden. Die Firma stellte nämlich eigentlich und in erster Linie Produkte anderer vermeintlicher Hersteller her. Und die hätten es gewiss nicht gut gefunden, wenn ihr Hersteller zu einem echten Konkurrenten wurde. Also landete der Entwurf auch bei mir in einem Ordner und ich suchte nach einer neuen Aufgabe.

Ich fertigte täglich 3-4 Schnibbelfilme zu je 5 Minuten an. Manchmel wurden sie auch etwas länger, aber ich bemühte mich bei kleinen Häppchen zu bleiben, auch wenn mir eigentlich ein richtiger Film vorschwebte. Ein Film zusammengestellt nur durch solche Schnipsel, und natürlich gespickt mit meinen eigenen Filmen. Sie sollten den Eindruck erschaffen, als wären sie Sendungen eines weiteren, bisher noch unbekannten Kanals. Der Monalisa-Kanal. Mein ganz persönlicher Fernsehsender.

Wolfgang wollte von solchen Ideen allerdings überhaupt nichts hören. Ich konnte ihn einmal dazu überreden sich einen kleinen Film anzuschauen, doch er konnte damit überhaupt nichts anfangen. Er bemerkte nichts von alle dem, was mich an diesen Filmchen reizte und er glaubte auch nicht, dass andere es anders einschätzen würden. Für ihn war diese Schnibbelei absolute Zeitverschwendung.

Mir aber machte es Spaß, also machte ich weiter.

Von Juni bis September. Dann hörte ich damit wieder auf. Es war auf die Dauer einfach zu doof diese Filmchen nur für sich selbst zu machen, dass war viel zuviel Arbeit. Arbeit für Nichts. Also schnitt ich jetzt nur noch mit der Fernbedienung und wurde dabei zusehens dicker, da nützten auch die Hundespaziergänge nichts.

Ich brauchte unbedingt eine Aufgabe. Nur zu Hause herumzusitzen, zu kochen, aufzuräumen und mit dem Hund vor die Tür gehen, das war einfach zu wenig. Ich sprach mit meiner Therapeutin darüber und sie empfahl mich weiter an die hauseigene Sozialarbeiterin, sie sollte gemeinsam mit mir überlegen, welche Beschäftigungsmöglichkeiten für mich in Frage kamen. Die Sozialarbeiterin schlug mir eine ambulante Rehamaßnahme vor. Ich war so verzweifelt ob meiner Langeweile, dass ich diesem Rat ersteinmal folgte. Ich stellte mich bei dem zuständigen Arzt vor. Die Räumlichkeiten der Maßnahme befanden sich direkt neben dem Krankenhaus in dem ich das Jahr zuvor gewesen war. Der Arzt war sehr nett, wir sprachen ausführlich über meine Schwierigkeiten und der Arzt meinte, seine Maßnahme könne mir vielleicht tatsächlich helfen. Ich sollte eine Probewoche absolvieren und so kam es, dass ich mich plötzlich in einem Bastelraum wiederfand und gemeinsam mit anderen Expsychotikern das Buchbinden lernte.

Die Reha

Es war gar nicht so leicht plötzlich mit

anderen Menschen konfrontiert zu werden.

Ich befand mich nun schon so lange alleine in meiner eigenen Welt, da fiel es schwer Smalltalk zu üben. Aber den anderen ging es irgendwie wohl ganz ähnlich. Einige unter ihnen waren noch immer ganz schön weit weg und sie konnten sich nur schwer zu der Bastelei durchringen. Die Betreuerin hatte, obwohl wir nur wenige waren, viel zu tun alle zu beschäftigen. Ich wollte mich nicht blamieren also gab ich mir Mühe, doch nach der Woche dachte ich: Mir geht es dann doch etwas zu gut für so eine Reha. Die anderen hatten wirklich Probleme, ich jedoch, ich kam zu dem Schluss: So schlimm ist es dann doch nicht.

Außerdem gab es eine Warteliste von einem halben Jahr, und in einem halben Jahr wollte ich auf jeden Fall weiter sein. Hätte ich die Reha gleich antreten können, wer weiß, vielleicht hätte ich es tatsächlich gemacht. So aber kam diese Sache für mich nicht in Frage.

Ich brauchte etwas anderes.

Ich brauchte einen Anstoß von außen.

Allein auf mich gestellt landete ich immer wieder einfach nur vor dem Fernseher. Dieser erwünschte Anstoß kam dann auch, und zwar von der ARGE.

Ich hatte einen Termin bei meinem Fallmanager, doch der war plötzlich krank geworden, so dass eine Kollegin für ihn einsprang. Ihr erzählte ich, dass mir die Decke auf den Kopf fallen würde und dass ich mir mittlerweile durchaus wieder vorstellen konnte ein paar Stunden am Tag etwas Außerhäusiges zu machen. Ich wüßte halt nur nicht was. Und da hatte die Fallmanagerin Frau Reiss eine gute Idee. Sie erzählte mir von der Medienwerkstatt. Dies sei eine Maßnahme im Rahmen der 1,50€-Jobs. Dort würden von den Teilnehmern Filme über gemeinnützige Organisationen und Vereine hergestellt. Diese Maßnahme sei ihr Sahnehäubchen und sie wolle mich gerne dort anmelden. Allerdings gab es auch hier eine Warteliste von mindestens einem halben Jahr. Ich solle mich dort möglichst zeitnah vorstellen und dann würde man sehen, wann ich dort anfangen könne.

Ich bekam bald darauf einen Vorstellungstermin und so fuhr ich nach Glehn, ein kleineres Dorf, dass etwa eine halbe Autostunde über Käffer und Landstraße entfernt war. Zum Glück konnte ich Wolfgangs Auto benutzen, denn mittels öffentlicher Verkehrsmittel wäre ich bestimmt 1,5 Stunden unterwegs gewesen. Wenn ich dort also wirklich hinwollte, dann würde ich dafür ein Auto benötigen.

Ich lernte Jo, den Leiter der Maßnahme kennen. Er war ein großer Mann mit dickem Bauch und überaus sympathisch. Wir saßen unten im Hof unter einer Pergola an einem Tisch und er bot mir gleich eine Zigarette an. Dann erzählte er von der Maßnahme:

Die Medienwerkstatt beschäftigte ca. 20 Langzeitarbeitslose indem sie lernten in kleinen Teams mit einem professionellen Kameraequipment umzugehen, um damit Filme über den Gartenzüchterverein, das integrative Kunstcafe, einen Schulzirkus oder ähnliches zu drehen. Dieser Film wurde dann anschließend von den Teilnehmern der Maßnahme mit Hilfe eines professionellen Schnittprogramms geschnitten. Er empfahl mir einen Blick auf ihre Internetseite zu werfen, dort könne ich mir einige der Arbeiten in Ruhe anschauen.

Ich erzählte auch ein bisschen von mir, denn man hatte ihm schon gesagt, dass ich auf Grund einer frisch ausgestandenen Psychose nicht den ganzen Tag einsatzfähig war. Ich sollte mit drei Stunden pro Tag anfangen um mich dann, je nach dem wie es mir gehen würde, stundenmäßig langsam zu steigern. Wir wurden uns einig, er wollte es mit mir versuchen und so verabschiedeten wir uns mit den Worten: Ich freue mich darauf!

Die Krankengeschichte

Die Zeit zog sich wie Kaugummi und ich kämpfte mit der Langeweile,

denn ich sah mich immer noch nicht in der Lage

irgendetwas Sinnvolles zu vollbringen.

Ich versuchte es daher mit dem Lesen eines Krimis, aber wirklich abschalten konnte ich damit auch nicht. Immerwieder kamen Bilder aus der Vergangenheit hoch. Viele Abende saß ich darum mit Wolfgang, der im Prinzip bei mir eingezogen war, im Wohnzimmer und wir diskutierten die unterschiedlichen Aspekte meiner Erkrankung. Ich hatte es mittlerweile eingesehen. Ich war an meinem Bombini tatsächlich verrückt geworden.

Damals, als ich mich für das Bombini-Projekt entschieden hatte, da hatte ich gewußt, dass dies ein gefährliches Unterfangen werden würde, auch wenn ich nicht wußte worin die Gefahr eigentlich lag. Eine innere Stimme sprach damals schon von Schizophrenie, doch, da ich mir darunter nicht wirklich etwas vorstellen konnte, war ich ohne große Ängste und Bedenken vorangeschritten. Ich hatte ein ganz unbedingtes Vertrauen in meine Fähigkeiten und so nahm ich die Herausforderung dankbar an. Ich war froh eine mir entsprechende Aufgabe gefunden zu haben. Hier war ich als Naturwissenschaftlerin und Designerin herausgefordert. Dass ich nur wenig Geld hatte, machte es nötig auf Gott zu vertrauen und ich kann es wirklich sagen, ER hat mich auf diesem Weg wirklich aktiv unterstützt. ER brachte mich zufällig mit den richtigen Leuten zusammen, ER sorgte dafür dass ich immer ausreichend Material zur Verfügung gestellt bekam, denn bezahlen konnte ich nur das Wenigste. ER verfolgte meine Bemühungen um die Theorie des Ganzen und ER versorgte mich mit einer Vielzahl von Eingebungen. ER sorgte dafür, dass ich zur rechten Zeit die richtigen Bücher in die Hand bekam, ER war mir wirklich eine sehr große Hilfe gewesen.

Umso unverständlicher war es mir, warum er mich im Winter 2006

hatte so im Stich lassen können. Warum hatte ER zugelassen,

dass mein Gehirn geblitzt wurde? Warum hatte ER mich im

vollen Lauf gestoppt? Ich war doch wirklich

ganz nah am Ziel gewesen.

Ich bekam den Termin für meine Maßnahme zugeschickt. Am 3. August 2009 sollte es losgehen. Endlich, es würde etwas Neues in meinem Leben passieren. Neun Monate lang. Ich konnte mir zwar nicht vorstellen, was und wie meine Tage dort in Glehn aussehen würden, aber es war auf jeden Fall besser als zu Hause Trübsal zu blasen. Ich wollte die verbleibende Zeit bis dahin nutzen und so setzte ich mich an meinen Computer und begann meine Krankengeschichte aufzuschreiben. Ich suchte nach der Chronologie der Ereignisse. Ich wollte verstehen wie und was mich so aus der Bahn geworfen hatte. Es wurden 150 Seiten. Leider habe ich die Datei irgendwann versehentlich gelöscht, ich weiß auch heute nicht, wie dies hatte passieren können, doch die Datei war am Ende einfach weg. Das Schreiben hatte mir aber dennoch sehr geholfen. Es brachte etwas mehr Ordnung in meine durcheinandergeratenen Erinnerungen und es half mir zu verstehen, wie es hatte passieren können, dass ich verrückt geworden war. Obwohl ich bei all der Reflexion immer noch im Hinterstübchen behielt: Vielleicht hatte es doch eine Rückkehr der „Außerirdischen“ gegeben. Nur hatte diese Rückkehr mein Weltbild so zerstört, dass ich darüber in eine Psychose geraten war. Ausschließen wollte ich dies am Ende nicht. Denn, dann hätte ich womöglich genau das getan was diese Bösewichter wollten, nämlich, dass ihre Gemeinheiten und Blitze alle unter der Decke einer psychischen Erkrankung verschwanden. Für mich war es daher durchaus denkbar: Die 5. Dimension hatte sich bei mir bemerkbar gemacht und ich hatte das ganze leider nicht verkraftet. Ich war darüber psychotisch geworden. Und ich wäre damit auch nicht die Erste gewesen, bei der dies passiert war.

Gemeinsam mit Wolfgang diskutierte ich viel darüber.

Er jedoch hielt an seiner Auffassung fest, dass das Ganze nur ein Psychospiel des Unterbewußtseins gewesen war. Es hatte die Kontrolle über mein Bewußtsein übernommen und mich mit Wahnvorstellungen und vermeintlichen telepathischen Verbindungen in die Irre geführt, um mich zu verändern. Ziel der Psychose sei es den Menschen von seinem individuellen Holzweg abzubringen. Und ich sei nun mal auf dem Holzweg gewesen. Er sah in der ganzen Angelegenheit eigentlich auch sehr viele Vorteile, denn ich gefiel ihm so wie ich jetzt war viel besser. Jetzt wäre ich endlich wieder der Mensch Monica Kraemer und nicht mehr Monalisa, die Göttliche. Und dies sei ihm erheblich lieber.

Sexuell machte sich diese Vorliebe

allerdings überhaupt nicht bemerkbar.

Ich hatte durchaus Sehnsucht nach körperlicher Nähe, aber da von seiner Seite keine Annäherungsversuche unternommen wurden zog ich mich zunehmend frustriert auf meine eigene Bettseite zurück. Selbst auf ihn zuzugehen, dass ging nämlich leider gar nicht. Ich fühlte mich völlig hilflos im Bett. Meine gesamte erotische Bilderwelt lag immer noch tief verschüttet unter einer dicken Schneedecke. Ich konnte mich einfach nicht in einen anderen Menschen und deren Gefühle einfühlen und da Wolfgang nicht mehr als einen Gutenachtkuss für mich übrig hatte, fühlte ich mich so langsam aber sicher ziemlich unsexi, ja unattraktiv. Und meine Waage zeigte an, dies war auch ganz objektiv so. Meine einstmals so schöne Figur war hin, denn der Bauch wollte einfach nicht mehr weggehen. Auch der Hintern hatte ziemliche Außmaße angenommen. Vielleicht mochte Wolfgang ja keine pummeligen Frauen?

Ich konnte mit Wolfgang zwar wirklich über alles reden, aber über unser nicht vorhandenes Sexualleben brachte ich kein Wort über die Lippen. Ich musste miterleben wie Siux alle Streicheleinheiten abbekam, die ich mir so wünschte. Aber ich wollte Wolfggang nun mal nicht zwingen. Bisher waren die Männer immer auf mich zu gekommen und das sollte auch so bleiben. Mit etwas anderem konnte ich mich nicht identifizieren. Wolfgang aber wartete offensichtlich genau darauf. Ihm war es wohl immer schon sehr Recht gewesen, wenn die Frau im Bett den Ton angab.

Die Drucke

Ich bekam zu dieser Zeit Besuch von Frau Heine vom Gesundheitsamt.

Sie war einige Male schon vorbei gekommen um sich nach meinem Befinden zu erkundigen. Mittlerweile hielt ich sie auch nicht mehr für einen Kundschafter des Bundesnachrichtendienstes. Sie war eine freundliche Frau und wir unterhielten uns über meine gesundheitliche Lage. Da machte sie mir einen interessanten Vorschlag: Ich sollte meine Drucke im Wartebereich des Gesundheitsamtes ausstellen.

Die Drucke hatte ich Anfang der neunziger Jahre angefertigt. Sie waren der Auslöser gewesen, mein Biologiestudium endgültig an den Nagel zu hängen. Ich wollte nur noch Kunst machen, und zwar genau diese Kunst. Ich hatte mir das Druckverfahren selber ausgedacht und ich war immer sehr Stolz auf die Ergebnisse gewesen. Ich hatte diese Bilder auch nicht verschenkt, so wie ich es im Grunde mit fast all meinen großen Leinwandbildern, die ich in den darauf folgenden Jahren malte, gemacht hatte.

Nein, diese Drucke waren für mich etwas ganz Besonderes, die hatte ich immer sicher aufgehoben um sie später einmal auszustellen. Und jetzt kam dieses Angebot. Natürlich sagte ich zu und Wolfgang war ebenfalls sehr glücklich darüber. Er hielt von meinen Drucken nämlich auch eine ganze Menge. Schon mehrfach hatte er versucht mich dazu zu bewegen neue Bilder herzustellen. Aber ich wußte, diese Arbeit war nicht so ohne Weiteres zu wiederholen.

Ich benötigte für die Anfertigung der Drucke Werbeprospekte einer ganz bestimmten Herstellungsweise, und die schienen so langsam aber sicher auszusterben, denn ich fand immer weniger geeignete Prospekte im Briefkasten. Wolfgangs Vater bekam eine Kölner Tageszeitung und er sammelte für mich eine ganze Weile die beiliegenden Blätter, doch bei der Durchsicht erkannte ich schnell: „Gute“ Prospekte gab es irgendwie tatsächlich nicht mehr. Insofern war ich wirklich nicht sehr interessiert daran noch einmal die Arbeit damit aufzunehmen, zumal das notwendige Papier für den Druck auch sehr kostspielig war. Ich sichtete meine Bilder, auch die, die ich früher als uninteressant verworfen, aber aufgehoben hatte. Einige waren gar nicht so übel und so setzte ich mich an den großen Esszimmertisch und begann die alten Drucke mit Tusche und Buntstiften zu überarbeiten. Als ich die entstandenen Bilder Wolfgang zeigte, war er sehr angetan und er hatte eine gute Idee: „Mach doch einen Kalender daraus!“

Gesagt, getan. Ich setzte mich an den Computer und gestaltete mit den Bildern, die ich zuvor eingeskannt hatte einen Kalender. Diesen verschenkte ich dann zu Weihnachten an meine Mutter, Wolfgangs Eltern, seine Schwester und Felix schickte ich auch einen. Aber richtig begeistern konnte mich das alles nicht, auch wenn der Kalender tatsächlich ganz schön geworden war.

Meine Mutter fand die Idee mit dem Kalender auch sehr gut. Er weckte in ihr den Wunsch nach einem Kalender mit ihren eigenen Bildern. Sie malte nun schon seit Jahren Blumen und die Ergebnisse konnten sich mittlerweile wirklich sehen lassen. Sie gab mir also einen Stapel von Blumenbildern, ich skannte sie ein und druckte ein paar Kalenderexemplare für sie aus. Binden ließen wir die ganze Sache in einem Copyshop. Auch meine Mutter wünschte sich, dass ich wieder kreativ tätig würde, aber ich hatte immer noch keine rechte Lust dazu. Es war nicht mein Ding alten Ideen zu folgen, wenn ich etwas angehen wollen würde, dann müsste es etwas Neues sein, etwas, dass ich bisher noch nicht gemacht hatte. Und mir fiel einfach nichts anders ein als die Weiterentwicklung meines MonalisaTV. So nannte ich meine immer noch nicht veröffentlichte Internetseite.

Ich schrieb Michael einen Brief und ließ ihn ihm

über seinen Bruder Roland überbringen.

Darin entschuldigte ich mich für das „Du Arschloch!“ vom Winter 2006/2007. Ich bat ihn sich bei mir zu melden, wenn er mir verzeihen könne, ich würde ihm bei einer Tasse Kaffee auch gerne erklären, wieso ich so ausgerastet sei.

Michael meldete sich umgehend und sagte: „Monica, das ist wirklich kein Problem, natürlich verzeihe ich Dir.“ Ein paar Tage darauf kam er mich besuchen. Ich versuchte ihm die Sachlage darzulegen und ich erzählte ihm von meinen sonderbaren Erlebnissen, die allgemein als Wahnvorstellung erkannt wurden. Ich hatte zwar immer noch Schwierigkeiten damit diesen Begriff zu benutzen, aber es erleichterte anderen die Einordnung der Dinge. Für mich war es hingegen noch nicht ausgemacht, dass wirklich alle meine „außerirdischen“ Begegnungen Hirngespinste gewesen sein sollten. Das wollten die „Außerirdischen“ vielleicht, dass ich dies dachte, aber ich hatte nicht vor, mich von ihnen hinters Licht führen zu lassen.

Wir sprachen auch über meine Internetseite und Michael versprach mir bei der Umsetzung der ganzen Sache behilflich zu sein. Ich solle mich nur bei ihm melden, wenn ich so weit sei, und die Sache endgültig angehen wolle. Er empfahl mir die Filme über einen Videoblog zu veröffentlichen, der sei viel einfacher zu pflegen als eine Internetseite. Wir vertagten das Thema auf später, denn im Moment wollte ich so einen Schritt sowieso nicht tun. Ich fühlte mich mental einfach noch nicht in der Lage auf die möglichen Folgen einer Präsentation auch zielführend zu reagieren. Aber den Gedanken hatte ich nicht aufgegeben. Irgendwann, wenn mein Gehirn wieder einwandfrei funktionieren würde, würde ich die Sache angehen. Ganz bestimmt.

Außerdem hatte ich zu dieser Zeit noch ganz andere Sorgen.

Ich war von meinem ARGE Fallmanager, Herrn Stach, aufgefordert worden mich beraten zu lassen, wegen meiner Schulden. Die schleppte ich nämlich schon seit meinem finanziellen Bankrott im Mai 2002 mit mir herum. Die kleinen Summen, die ich zu diesem Zeitpunkt verschiedenen Firmen geschuldet hatte, die hatte ich alle abgestottert, aber bei den großen Posten mußte ich die Finger heben. Ich fuhr also zu einem Informationsabend, bei welchem ich über die Möglichkeiten der Privatinsolvenz informiert werden sollte. Zu der darauf folgenden Einzelberatung nahm ich meine Betreuerin, Frau Doogs Herholtz mit und da ging es dann ans Eingemachte. Ich hatte vor allen Dingen Schulden bei der Sparkasse und beim Bafögamt, insgesammt über 30 000 Euro und es war schnell klar, aus meiner momentanen Lage heraus war ich nicht in der Lage daran etwas zu ändern. Eine Privatinsolvenz schien angezeigt und ich stimmte nach einigem Überlegen zu, diesen Schritt zu gehen. Das hieß zwar noch 6-7 Jahre mit einem kleinen Geldbeutel zu leben, aber danach wäre ich aus allem heraus. Dies war keine schlechte Perspektive, also beantragte ich die Insolvenz. Glücklicherweise hatte ich dabei meine Betreuerin an meiner Seite, sie würde mir den meisten Papierkram abnehmen und mich auch zu dem Termin, bei dem, dann in Zukunft für mich zuständigen Insolvenzanwalt, begleiten.

Ich fühlte mich am Ende auch in dieser Sache

wirklich gut beraten und unterstützt.

FORTSETZUNG folgt!